Ich habe Ben in Chemie unterrichtet. Ich war 26 und er gerade 18. Groß, sportlich und klug, aber ein verträumter Schüler. Er trug immer kurze Hosen, auch im Winter, und dazu zwei unterschiedliche Socken. Ich mochte Ben. Aber Ben mochte mich mehr. Wenn er sich im Unterricht meldete, machte er mir Komplimente – so auffällig, dass seine Sitznachbarin ihn regelmäßig von der Seite anzischte. Und als er mir die Selbsteinschätzung seiner mündlichen Note überreichte, sagte er: "Das ist ein Liebesbrief." Ich dachte mir: So sind Oberstufenschüler nun mal.

Auf dem Abi-Ball bot ich all meinen Schülern das Du an, auch ihm. "Dann darfst du mich jetzt siezen", sagte er. Wir unterhielten uns den ganzen Abend lang, erst über Sport, dann über die Zukunft. Er plante, mit einem Sportstipendium in den USA zu studieren.

Ein paar Tage später ploppte eine Facebook-Nachricht von ihm auf. Bald schrieben wir uns täglich. Die Texte wurden länger und länger. Schließlich fragte er, ob ich nicht Lust hätte, mit ihm inlineskaten zu gehen. Bis vor Kurzem hatte ich noch seine Arbeiten korrigiert. Nun saß ich neben ihm im Kino, ging mit ihm spazieren. Zuerst habe ich es nur für eine intensive Freundschaft gehalten. Aber eines Abends hat er mich einfach geküsst. Und das hat sich richtig angefühlt. Dennoch hatte ich Zweifel. Zwei Lehrer meines Gymnasiums sind in einer Beziehung mit ehemaligen Schülerinnen. Das wird akzeptiert. Bei mir reagierten die Kollegen jedoch anders. "Hast du immer noch was mit diesem jungen Typen?", fragte einer. "Man muss sich ja mal was gönnen", sagte ein anderer. Das hat mich verletzt.

Fünf Monate nach der Abi-Feier sagte Ben, dass er für mich in Deutschland bleiben würde, wenn ich es wolle. Das musste ich erst mal verdauen. Ich wollte ihn von nichts abhalten. Aber ich war verliebt. Also stimmte ich zu. Ich glaube, ich hatte mehr Angst vor der Beziehung als er. Noch einmal jemanden durchs Studium zu begleiten konnte ich mir kaum vorstellen. Aber jetzt haben wir es fast geschafft. Ben und ich sind seit sieben Jahren ein Paar. Er schreibt seine Masterarbeit in Physik und lebt in einer Wohnung im Haus seiner Eltern, die ihn unterstützen. Von seinem Bafög und seinen Nebenjobs kann er gut leben.

Meine Eltern haben mich nie offen kritisiert, aber ich merkte, dass sie sich für mich etwas anderes gewünscht hätten. Einen Versorger. Aber den brauche ich nicht. Ich brauche einen Vertrauten.

Diesen Sommer hat Ben mich gefragt, ob ich seine Frau werden möchte.

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Protokoll: Lisa McMinn