Es ist eine Bildungskatastrophe ohnegleichen: In Ländern der Sahelregion wie Mali, Mauretanien oder Niger sind zwei Drittel der Erwachsenen Analphabeten, von der jungen Generation kann nicht einmal die Hälfte lesen und schreiben, nur 65 Prozent der Kinder werden eingeschult. Das zeigt eine Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung, die an diesem Donnerstag erscheint. Nur wenig besser sieht es in den Ländern weiter südlich der Sahara aus, 32 Millionen Kinder gehen dort nicht zur Schule. Ein Viertel der 15- bis 24-Jährigen kann weder lesen noch schreiben.

Der Bildungsnotstand ist Hauptursache für die enormen Entwicklungsdefizite der Region und das gewaltige Bevölkerungswachstum. Eine Milliarde Menschen leben heute in den Ländern südlich der Sahara. Bis zum Jahr 2050 werden es mehr als doppelt so viele sein. Auf der Suche nach einem besseren Leben werden sich noch mehr als heute von ihnen auf den Weg machen – auch nach Europa. Um das Bevölkerungswachstum zu bremsen, gilt es, vor allem die Bildung der Frauen voranzutreiben. Denn die Studie zeigt: Je länger Frauen eine Schule besuchen, umso weniger Kinder bekommen sie. Bisher sind es in dieser Region im Schnitt fünf Kinder pro Frau.

Gründe für die Misere gibt es viele: Es fehlt an Geld, der Bildungssektor ist schlecht organisiert, für viele Kinder sind die Unterrichtssprachen Französisch oder Arabisch Fremdsprachen, und viele Länder sind geplagt von Kriegen, Drogen- und Waffenhandel oder Terrorbanden wie Boko Haram im Norden Nigerias.

Welche Wege führen aus der Krise? Europa allein kann kein einziges afrikanisches Land retten. Stattdessen müssten sich die Eliten in diesen Ländern viel stärker um die Bildung der nachwachsenden Generationen kümmern. Bisher haben sie dabei versagt. Hilfe von außen braucht es allerdings auch. Denn das Geld, um die nötigen Schulen zu bauen und Lehrer auszubilden, fehlt.

Bildung ist das wichtigste wirtschafts- und sozialpolitische Steuerungsinstrument. Die Wissenschaftler um den Studienleiter Reiner Klingholz fordern zu Recht: Education first! Bildung dürfe sowohl bei G20-Gipfeln als auch bei UN und EU keine Nebenrolle spielen, sondern müsse eine Hauptrolle übernehmen. Deutschland solle seine Bildungsausgaben in der Entwicklungszusammenarbeit deshalb weiter erhöhen.

Die Hilfe muss bei den Schulen ansetzen. Unternehmen und die Jobs, die sie bringen, können nur entstehen, wenn die nachwachsende Generation nicht mehr zur Hälfte aus Analphabeten besteht. Natürlich ist es mit einer besseren Schulbildung nicht getan, das zeigen Länder wie Tunesien. Dort haben über ein Drittel der Hochschulabsolventen keinen Job. Der Übergang in den Arbeitsmarkt funktioniert nicht.

Auch wenn Bildung allein Afrika nicht retten kann, ist ohne Bildung keine Rettung möglich. Nur mit ihr lässt sich der sozioökonomische Wandel einleiten. Bessere Schulen zeigen ihre Wirkung erst nach Jahren. Dann aber sind sie das beste Mittel gegen die Probleme Afrikas und den daraus resultierenden Flüchtlingsstrom.