Große Koalitionen sind des Teufels, besagt die konventionelle Weisheit. Die erste deutsche Groko (1966) habe die NPD in die Länderparlamente katapultiert, die späteren hätten die linken und rechten Ränder gestärkt. Als Horrorbeispiel gilt Österreich. Hier haben seit 1947 (bis auf sieben Jahre) nur Grokos regiert. Der Preis seien Filz und Korruption gewesen, schließlich der Triumph der rechtsnationalistischen FPÖ. Also Finger weg!

Diese Lesart verdreht Ursache und Wirkung, quer durch die westliche Welt. Grokos sind nicht schuld am Verfall der Volksparteien, sondern dessen Symptom. Union und SPD holten einst für sich 40 Prozent und mehr; folglich reichte für die Mehrheit eine einzige Kleinpartei. Doch schon die Grünen ließen in den Achtzigern die Zersplitterung des Systems erahnen, das nun sechs Parteien umfasst. Den Großen droht das Schicksal der Kaufhäuser. Die Leute gehen lieber in die Spezialgeschäfte – in die Bau- und Elektronikmärkte, zu H&M und Zara.

Jetzt erwirtschaften die "Kaufhäuser" namens CDU/CSU und SPD nur noch zwanzig, dreißig Prozent. In Italien ist das bipolare System – hier Mitte-rechts, dort Mitte-links – längst kollabiert; in Frankreich hat ihm gerade Emmanuel Macron den Garaus gemacht. Trump ist zwar nominell Republikaner, aber in Wahrheit hat ihm eine dritte, die Donald-Partei den Sieg verschafft. In Wien hat der junge Sebastian aus der ÖVP eine Kurz-Partei gemacht.

Warum läuft die Kundschaft weg? Die Auffächerung des Links-rechts-Spektrums trifft die Sache nicht ganz. Ist die AfD rechts? Ja, wo sie Nationalismus und Abschottung anbietet. Aber sie sieht sich auch als Stimme des "kleinen Mannes", der Schutz sucht vor Globalisierung und Automatisierung. Hier trifft sich die AfD übrigens mit der Linkspartei, die außerdem noch massive Umverteilung anbietet.

Sind die Grünen links? Ihre Klientel ist bürgerlich; Klima-, Gender- und Identitätspolitik sind nicht links, sondern "postmaterialistisch". Es geht kreuz und quer, wie es sich für die Anything goes-Postmoderne gehört, mit spezifischen Angeboten für abgezirkelte Gruppen, die sich in den Kaufhäusern der beiden Volksparteien nicht mehr richtig bedient fühlen. Nur können die Boutique-Parteien keine Regierungsmehrheit zusammenschirren. Deshalb läuft es auf eine Groko oder eine nie da gewesene Minderheitsregierung zu.

Die beiden jüngsten Grokos waren nicht die Treiber der Zersplitterung, die weit über Deutschland hinausgeht. Am Schicksal der SPD ist nicht "Mutti" schuld; die Stimmenfresser sind die Linke und die Grünen, "Fleisch vom Fleische". In das Reservat der Union ist die AfD eingebrochen. Vorbei ist die Zeit, da rechts von der CSU und links von der SPD keine Partei Wurzeln schlagen konnte.

Droht mit der nächsten Groko die "Austriakisierung"? Erstens wäre dieses Bündnis mit 53 Prozent nur eine "Kleinko", die sich nicht wie eine nasse Decke über das Land legen könnte. Sie müsste gegen vier Oppositionsparteien ankämpfen – mit bestechenden Argumenten statt mit dem Mantra "keine Alternative". Ein temperamentvoller Bundestag ist die beste Garantie gegen die Selbstgefälligkeit der Exekutive; der Schwerpunkt der Demokratie würde sich in Richtung Parlament verlagern. PS: Die jetzige Groko hat sich übrigens nicht selber blockiert – sie hat eine Menge abarbeiten können.