Das Ende ist vertagt. Am Montag hat die EU-Kommission die Zulassung des umstrittenen Totalherbizids Glyphosat um fünf Jahre verlängert. Ein provozierender Kompromiss – der Streit um den künftigen Einsatz von Pflanzenschutzmitteln wird weitergehen. Das Ziel ist dabei unstrittig: Der beste chemische Pflanzenschutz ist so wenig Pflanzenschutz wie möglich. Für die chemische Industrie ist das eine Herausforderung. Wie macht man weiter Geschäfte mit Produkten, von denen man vermutlich bald deutlich weniger verkaufen kann? Man macht seinen Kunden zuerst einmal ein Geschenk.

Die Kunden, das sind die Landwirte, das Geschenk ist eine hoch spezialisierte App. "Der Assistent in Ihrer Hosentasche", so umwirbt das Unternehmen Xarvio den Smartphone-affinen Bauern. Er soll mit der Weedscout-App Unkraut unterscheiden können, bald auch Pflanzenkrankheiten erkennen und Schadinsekten bestimmen. Dazu muss der Landwirt nur ein Foto machen, mit der App versenden und warten, bis die Antwort übers Netz zurückkommt.

Xarvio, eine neu gegründete Tochter des Bayer-Konzerns, stellt den ackerbaulichen Erkennungsdienst den Landwirten nicht ohne Hintergedanken zur Verfügung. Mit jedem Foto, das Landwirte in die Cloud stellen, kann das Programm mehr. Es lernt, Stiefmütterchen von Ehrenpreis zu unterscheiden, jungen und alten Ehrenpreis zu erkennen. Es lernt, aus den Bildern fleckiger Blätter auf Pflanzenkrankheiten zu schließen. Und da mit jedem Foto auch die GPS-Daten auf den Bayer-Server übertragen werden, weiß Bayer bald ebenso, wo welches Kraut wächst, wo welcher Pilz die Pflanzen bedroht oder wo Schadinsekten unterwegs sind.

Damit kommen wir zu Teil zwei der digitalen Geschäftsstrategie: dem "Xarvio Field Manager". Er soll die Landwirte bei der Planung aller Feldarbeiten unterstützen, sie an Aussaaten und Pflanzenschutzmaßnahmen erinnern, vor Risiken warnen. Denn der Field Manager kennt die Lage des Feldes, die bisherigen Erträge, die geplante Fruchtfolge. Er integriert den Wetterbericht und die Meldungen, die ihm die App liefert. Welche Unkräuter treten in der Gegend auf? Welche Schadpilze verbreiten sich?

Bayer setzt darauf, nicht mehr möglichst viel Pflanzenschutzchemie zu verkaufen, sondern eine möglichst verlässliche Dienstleistung zur Sicherung der Erträge. Das soll den Pestizidverbrauch senken. Wenn etwa dieses Jahr Gelbrost in der Region des Bauern kein Thema ist, muss er auch nicht gegen die Pilzkrankheit spritzen. Von dem Geld, das der Landwirt spart, möchte Bayer für seine digital gestützte Beratungsleistung etwas abhaben. Und so verdient der Konzern am Ende auch an Spritzmitteln, die er nicht verkauft.

Bayer ist nicht der einzige große Agrarchemie-Anbieter, der auf digitale Dienstleistungen setzt. Nahezu jedes Chemieunternehmen hat heute Management-Tools im Angebot. Auch die Landmaschinenhersteller haben bereits weitreichende Digitalisierungsstrategien. Die Kabinen großer Traktoren ähneln mit ihren Kontrollmonitoren mehr und mehr einem Flugzeugcockpit. Je präziser die Landmaschinen fahren, desto umweltschonender spritzen, säen und düngen sie. Daneben bietet das Feld hinreichend Raum für Start-ups und kleine spezialisierte Dienstleister. Farmscan oder Agrirouter, Climate FieldView oder 365FarmNet – die Firmen- und Projektnamen machen deutlich, dass die Digitalisierung der Landwirtschaft schnell voranschreitet.

Eine Kombination aus Big Data, KI und Sensorik soll künftig die Umwelt schützen. Der Hasbergener Landtechnik-Riese Amazone, Spezialist für das Ausbringen von Dünge- und Pflanzenschutzmitteln, hat AmaSpot entwickelt, eine Spritze, die erkennt, wo überhaupt Unkraut steht. Sie wird eingesetzt, bevor Weizen, Hafer oder Mais ausgesät werden. Bisher haben viele Landwirte zu Glyphosat gegriffen, um ihre Felder vor der Aussaat der Nutzpflanzen von lästiger Konkurrenz zu befreien. So wurde das Herbizid auch dort verteilt, wo gar nichts wuchs. Spritze an, und los ging’s.