Was ahnte Oswald Spengler, was andere nicht ahnten? Was wusste dieser Kulturphilosoph, der in Mussolini vernarrt war und nichts mehr hasste als die Weimarer Republik? Ein Mann, der behauptete, die Sonne der Geschichte werde zurück nach Osten wandern und mithilfe westlicher Technik in Asien eine Gesellschaft neuen Typs entstehen lassen?

Gleich zweimal hat sich der Philosoph Theodor W. Adorno im Werk Spenglers vergraben und nicht den geringsten Zweifel daran gelassen, was von ihm zu halten sei: Spengler sei ein williger Agent des Weltlaufs gewesen und habe mitgeholfen, die Demokratie sturmreif zu schießen. Doch eines ließ Adorno keine Ruhe. Hatte das reaktionäre Orakel recht mit der Prophezeiung, die Zivilisation werde ihre Vorgeschichte vergessen – all das Blut, das im Kampf für die Freiheit vergossen wurde? "Spengler führt vor, wie der Gang der Geschichte die Menschen Idee und Wirklichkeit der eigenen Freiheit vergessen macht."

Tatsächlich hatte sich Spengler (1880–1936) eine posthumane Gesellschaft ausgemalt, in der der Geist "rechenhaft" und der Mensch zum Anhängsel seiner Maschinen wird. "Nur die Zahl hat noch Wert." Neue Herrschaftstechniken verwandeln selbstbewusste Bürger in schicksalsergebene Fellachen. "Man will nur noch denken, was man wollen soll, und eben das empfindet man als seine Freiheit." In der englischen Übersetzung heißt Spenglers Hauptwerk Der Untergang des Abendlandes übrigens Decline of the West.

Adorno schrieb seinen Essay im Jahr 1950, das heißt, er dachte über das Ende der liberalen Demokratie zu einem Zeitpunkt nach, als es nicht den geringsten Zweifel an ihrer Zukunft gab. Nun muss man den Teufel nicht an die Wand malen, aber es darf einen durchaus nervös machen, wenn man sieht, mit welchem Hochdruck die chinesische Regierung ein Projekt vorantreibt, das sich ausnimmt wie eine exportfähige Alternative zum westlichen Liberalismus. Unter dem harmlosen Namen "Sozialkreditsystem" erprobt China eine neue Methode der Menschenführung, die so gespenstisch, so radikal ist, dass es allen, die sie aus der Nähe betrachten konnten, die Sprache verschlug. Ein ungenannt bleibender Ökonom von der Universität Peking sagt es der SZ so: "Solch ein System gab es noch nie in der Geschichte der Menschheit. Noch nirgendwo auf dem Erdball. Wir sind die Ersten." Der Mann hat recht.

Noch existiert das Projekt nur in wenigen Städten, doch Journalisten durften die ersten Feldversuche in Shanghai oder dem Küstenstädtchen Rongcheng bereits besichtigen. Die Städte sind das Labor der nahen Zukunft, und diese beginnt mit einem "Geschenk": Ein "Amt für Ehrlichkeit" (mittlerweile umbenannt in "Amt für Kreditwürdigkeit") eröffnet für jeden Bürger ein Konto, auf dem sein persönlicher Punktestand verzeichnet ist. Das Konto ist mit nationalen Datenbanken verbunden, die auf verschiedene Großrechner zurückgreifen, von Banken, Online-Plattformen und so weiter. Die Datenbank ist ein Alleswisser und kennt sämtliche Aktivitätsspuren im Netz. Sie weiß, ob jemand seine Stromrechnung bezahlt oder sich auf einer Reise danebenbenommen hat. Sie weiß, wie oft der Name Falun Gong in seinen Mails vorkommt. Und ist die Stadt überall mit Überwachungskameras und Gesichtserkennung ausgerüstet, weiß die Datenbank, ob der Bürger alle Hundehäufchen ordnungsgemäß entsorgt oder im Winter Schnee geschippt hat. Selbstverständlich fließt neben dem Kaufverhalten auch die Vertrauenswürdigkeit des Freundeskreises in den Punktestand mit ein. Zeig mir deine Freunde, und ich sage dir, wer du bist.

Das Sozialkreditsystem erhebt den Anspruch, gerecht zu sein, denn es gelte für alle, auch für Parteimitglieder. Wer Bestnoten in Aufrichtigkeit erreicht, darf sich mit einem Triple A schmücken (der Kandidat hat dann 1050 Punkte). Er gilt als "Vorbild an Ehrlichkeit" und wird mit schönen Erfolgsprämien belohnt. Bei einem hohen citizen score finden seine Kinder leichter einen Ausbildungsplatz, er selbst kommt schneller an einen Kredit, auch eine Beförderung winkt dem Glücklichen. Wer hingegen gesellschaftsschädigendes Verhalten zeigt, der darf nicht mehr erster Klasse Zug fahren und nicht mehr ins Flugzeug steigen, auch mit einem Visum wird es schwierig.

Unter 555 Punkte sollte ein Bürger aber keinesfalls sinken; dann kommt er möglicherweise auf eine schwarze Liste, und ihm droht der soziale Tod. Immerhin, der Sünder kann Buße tun und durch tugendhaftes Verhalten Bonuspunkte erwerben. Sobald er sich um alte Menschen kümmert oder Blut spendet, wächst der Punktestand auf seinem Sozialkreditkonto wieder, und der Sünder darf in den Kreis der Ehrlichen zurückkehren. Leistung muss sich wieder lohnen.

Wie gesagt: Es handelt sich hier nicht um eine Staatsfiktion von der Insel Dystopia oder um den chinesischen Reprint des Digitalalbtraums Der Circle von Dave Eggers. Es handelt sich um ein offizielles Regierungsprogramm, um die zweite chinesische Kulturrevolution, die eine ganz neue Ära der Herrschaftstechnik eröffnen könnte – die Epoche von Soft Power, Soziometrie und Psychopolitik.

Daneben existiert die alte Überwachungsgesellschaft natürlich weiter, die chinesische Gedankenpolizei, die Allgegenwart von Zensur, Hausarrest, Isolierhaft und weißer Folter. Es gibt weiterhin das große Auge des Staates, das Tag und Nacht über den Bürger wacht: "Ich sehe dich, aber du siehst mich nicht." Doch das neue Kontrollsystem ist viel raffinierter, viel abgründiger als das analoge Strafregime. Das Sozialkreditsystem lässt das Auge des Staates nämlich von außen nach innen wandern, tief hinein in das Wünschen und Wollen der Bürger. Die Bürger, heißt das, sollen sich dem staatlichen Gesetz nicht bloß unterwerfen, sie sollen es proaktiv begehren und sich mit dem Blick des Staates so betrachten, als sei es ihr eigener Blick. Rational choice, jeder hat die Wahl: "Soll ich weiter smart shoppen oder meine Eltern im Altersheim besuchen? Habe ich die optimalen Freunde, oder droht bei einigen Pappenheimern Punktabzug?" Sogar der Kontostand des künftigen Schwiegersohns soll sich ermitteln lassen. "Verdient meine erfolgreiche Tochter nicht einen Besseren?"