Der Liberalismus, so behaupten seine Erfinder, unterscheidet strikt zwischen Individuum und Staat, zwischen Freiheit und Macht. Im chinesischen Modell ist diese Unterscheidung sinnlos. Die Macht geht mitten durch den Bürger hindurch und lenkt seine Motive so, dass er genau das will, was er wollen soll. Er soll sich selbst regieren, er soll sich messen, bewerten und vergleichen, ohne äußeren, nur aus innerem Zwang. Die staatliche Kontrolle soll sich anfühlen wie persönliche Freiheit. Und was besonders heimtückisch ist: Indem er Verhaltenspunkte sammelt, erzeugt der Bürger das Quantum seiner Ehre, seinen gesellschaftlichen Wert. Dieser wird ihm vom Amt mit einem Gütesiegel bestätigt und durch die Vergabe sozialer Rechte, also mit Lebenschancen belohnt. Das ist nicht nur die perverse Farce der romantischen Staatsidee, die davon träumte, jeder Bürger solle die Nation im Herzen tragen. Es ist kybernetische Politik, die den Bürger zum Komplizen seiner eigenen Überwachung macht. Er ist nun wieder Jäger und Sammler. Wie eine Opfergabe muss er dem Staat seine Punkte vor die Füße legen – als Beweis, dass sich seine Überwachung gelohnt hat.

Überflüssig zu sagen, dass sich in einem Leben nach Zahlen das menschliche Selbstverhältnis eher traurig gestaltet. Wenn Wohlverhaltenspunkte die Leitwährung sind, dann fragt sich der Einzelne nicht mehr: "Wer bin ich?", sondern: "Wo stehe ich?" Es heißt nicht mehr "Erkenne dich selbst", sondern "Scanne dich selbst". Das Leben wird nicht mehr erzählt, es wird berechnet; es wird nicht in Geschichten und Bildern gedeutet, sondern in Leistungskurven und Vitalparametern vermessen. Am Ende des Tages, wenn der Lebenswein ausgeschenkt ist und Bilanz gezogen wird, schrumpft der Sinn des Daseins auf eine Zahlenkolonne, und das narrative Selbst verwandelt sich in ein metrisches Selbst, kurz: in ein Tamagotchi. "Mein Leben war glücklich. Ich hatte zuletzt 1050 Punkte. Davon werden noch meine Enkel berichten."

Schon in drei Jahren, so plant es die Regierung, soll ganz China vom Sozialkreditsystem "profitieren", und wenn das wahr werden sollte, hätten sich einige Vorahnungen der alteuropäischen Kulturkritik erfüllt. Denn von links bis rechts, von Heidegger bis Adorno: Kaum etwas erschreckte sie mehr als ein Leben nach Zahlen und die Ersetzung von symbolischem Sinn durch quantifizierbare Information. Wenn Bürger Preisschildchen auf der Stirn tragen, wenn ihre Rechte an einen selbst erwirtschafteten Wert gekoppelt werden – dann vollendet, Ironie der Weltgeschichte, der chinesische "Sozialismus" die ökonomische Logik der Moderne. Der Mensch wird zum Tauschwert seiner selbst, denn seine Punkte sind wie Geld. Was das ist? Der Untergang des Abendlandes.

Nun mag sich der Alteuropäer mit liberalem Besserwissen zurücklehnen und menschlich befremdet über den chinesischen Sonderweg den Kopf schütteln. Pekings Big-Brother-Staat, so die NZZ, beweise, wie tiefgreifend Maos Kulturrevolution das soziale Vertrauen zerstört habe. Das stimmt, ist aber nur die halbe Wahrheit. China war schon an der Wende zum zwanzigsten Jahrhundert ein Schlachtfeld imperialer Mächte, und mit dem Punktesystem diszipliniert die Regierung einen verwilderten Markt und zügelt jenen Egoismus, den sie selbst entfesselt hat. Dabei hätte sie schon von Karl Marx lernen können, dass der Kapitalismus nicht von sich aus moralische Menschen hervorbringt, im Gegenteil: Der erwünschte Egoismus der Marktteilnehmer zerstört den Gemeinsinn, weshalb der chinesische Vertrauenshaushalt nun durch persönliche Folgsamkeitsbeweise wieder aufgefüllt werden muss. Nicht der Bürger muss Vertrauen in das System, sondern das System muss Vertrauen in den Bürger haben.

Bei allem Erschrecken darf man eines nicht vergessen: Dem Sozialkreditsystem liegt ein kybernetisches Denken zugrunde, und das ist keine chinesische Erfindung, sondern ein US-Import, denn vom Westen lernen heißt siegen lernen. Die Sozialkybernetik machte in der Nachkriegszeit Furore und faszinierte Intellektuelle aus allen Himmelsrichtungen, nicht nur amerikanische. Verkürzt gesagt war es die Idee, die Gesellschaft sei ein riesiger Regelkreislauf, der sich über die Handlungen seiner Bürger selbst aussteuert und im Gleichgewicht hält. In diesem Modell erscheint der Mensch als informationsverarbeitende Maschine; wie bei einem Thermostat werden Abweichungen vom Sollwert in Feedbackschleifen gemessen und korrigiert.

Für eine Weile schien die Sozialkybernetik vergessen zu sein, erst nach dem Triumph des Internets erlebte sie eine gewaltige Wiederkehr. Die analoge Literatur zur digitalen Revolution ist kaum zu überblicken, doch wer die neuen Bücher von Steffen Mau (Das metrische Wir) oder Ulrich Bröckling (Gute Hirten führen sanft, beide Suhrkamp) liest, der erfährt viel darüber, welche Fortschritte die Verhaltenslenkung durch Nutzerdatenverwertung auch in westlichen Ländern macht. Gewiss, das geschieht alles innerhalb demokratischer Gesellschaften, und wenn diese es wollten, könnten sie die Datenkraken regulieren. Als wisse er, dass dies ohnehin nicht geschehen wird, hat ein guter Hirte, der ehemalige Google-Chef Eric Schmidt, das getan, was ein guter Hirte tun muss: Er hat die Herde schon einmal vorgewarnt. "Wenn es etwas gibt, von dem Sie nicht wollen, dass es irgendjemand erfährt, sollten Sie es vielleicht nicht tun."

Der amerikanische Politikwissenschaftler Francis Fukuyama hat China zum Testfall für seine Behauptung erklärt, der westliche Liberalismus sei das Spitzenprodukt des Weltgeistes und damit das "Ende der Geschichte"; selbst das Reich der Mitte könne auf Dauer nicht hinter das Niveau der erreichten Freiheit zurückfallen. Doch wer gesehen hat, mit welch erratischem Grinsen Donald Trump, der Anführer der freien westlichen Welt, in Peking neben dem Staatspräsidenten Xi Jinping Platz nahm, der könnte auf den Gedanken kommen, Fukuyamas Behauptung sei voreilig, ja größenwahnsinnig gewesen.

Vielleicht ist es ja genau andersherum, und in China ereignet sich das Wetterleuchten der Zukunft. Vielleicht entwickelt die Supermacht gerade den Prototyp einer nachliberalen Moderne – eine Art Remix aus platonischer Erziehungsdiktatur und maoistischem Cäsarismus (der Kult um Xi), eine Giftmischung aus Neoliberalismus und kommunistischer Einparteien-Zwangsherrschaft. Ergänzt wird die paradoxe Synthese durch ein Medley aus Verhaltensökonomie, kalifornischer Kybernetik und der Digitalreligion des Silicon Valley; überzuckert und mit einer original chinesischen Note versehen durch eine Coverversion von Konfuzius. Damit hätte sich jener posthumane Albtraum erfüllt, den Adorno seinerzeit aus Oswald Spenglers Orakelsprüchen herauslesen wollte. Es wäre eine Gesellschaft als zweite Natur, als lückenloses Menschenabrichtungssystem. Darin gibt es alles, nur politische Freiheit, die gibt es nicht.

Man tut sich keinen Gefallen damit, die neue Mikrophysik der Macht als chinesischen Irrläufer wegzulächeln. Sie ist keine Dummheit der Geschichte, keine unerwartete Abweichung von der liberalen Norm. Sie ist eine evolutionäre Möglichkeit der Moderne, ein gangbarer Entwicklungspfad der Weltgesellschaft, auf jeden Fall aber eine preiswerte Alternative zum Liberalismus. Schon heute dürfte das Sozialkreditsystem jenen Halb- und Vollautokraten gefallen, für die die demokratische Willensbildung eine schiere Sentimentalität ist, viel zu träge, um ihre gespaltenen Gesellschaften zusammenzuhalten und mit dem Weltlauf zu synchronisieren. So hätte der chinesische Philosoph Wang Hui recht mit der Bemerkung, auch in Demokratien sei die Verbindung zwischen Gesellschaft und politischem System brüchig geworden.

Nur am Rande: Sollten Demokraten von Selbstzweifeln geplagt sein, gibt es dagegen ein Mittel. Es ist die Erklärung, mit der die chinesische Regierung für ihren neuen Tugendstaat Reklame macht: "Die Vertrauenswürdigen sollen frei unter dem Himmel umherschweifen können, den Vertrauensbrechern aber soll kein einziger Schritt mehr möglich sein."

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio