Christoph Blocher: Mutig, dass Sie sich hierher wagen, bei all dem Blödsinn, den Sie über mich in Ihrer Zeitung geschrieben haben ...

DIE ZEIT: Nun, Sie beißen ja nicht.

Blocher: Das werden wir sehen (lacht).

ZEIT: Also, Herr Blocher, was machen Sie am 6. Dezember?

Blocher: Samichlaus. Da muss ich zu den Enkeln. Ich habe zwölf Enkel, das wird streng.

ZEIT: Sie spielen den Samichlaus?

Blocher: Schon seit 50 Jahren. Solange die Kinder und dann die Enkel an den Samichlaus glaubten, haben sie nie gemerkt, dass ich es bin. Nur einer hat mal gesagt: Du, dieser Samichlaus trägt dieselben Schuhe, wie sie bei dir oben in der Winde stehen (lacht).

ZEIT: Sie könnten am 6. Dezember auch feiern. Zum 25. Mal jährt sich Ihr größter politischer Sieg: das EWR-Nein.

Blocher: Ja, das war die wichtigste Volksabstimmung im letzten Jahrhundert. Und es war der leidenschaftlichste Abstimmungskampf, den ich je geführt habe. Aber feiern? Ich habe schon am 6. Dezember 1992 nicht gefeiert.

ZEIT: Damals waren Sie so platt ...

Blocher: ... da war ich so kaputt und ausgelaugt, dass ich am Abend nur noch ins Nest fiel. Als ich nachts einmal aufwachte, hörte ich, dass da jemand Raketen zündete. Das waren meine EWR-Gegner. Sie festeten, und ich lag im Bett (lacht schallend).

ZEIT: Was haben Sie mit diesem Sieg erreicht?

Blocher: Es war ein Wunder. Es gab keinen, der Rang und Namen hatte, der nicht dafür war. Man erklärte dem Volk: Wenn ihr Nein sagt, wird die Schweiz untergehen. Andererseits ging es nicht nur um den Europäischen Wirtschaftsraum (EWR), es war auch eine Abstimmung über den EU-Beitritt. Der Bundesrat hatte realisiert: Der EWR ist ein Kolonialvertrag, den kann man nur gutheißen, wenn man später der EU beitritt.

ZEIT: Der Bundesrat hat damals dem Volk reinen Wein eingeschenkt.

Blocher: Ja, der Bundesrat erklärte etwa zwei Jahre vor der Abstimmung, er nehme die Verhandlungen über einen Beitritt zum EWR nur auf, wenn die Schweiz die Hoheit über ihre Rechtsetzung behalte: "Ohne Vetorecht der Schweiz kein EWR." Die Aktion für eine unabhängige und neutrale Schweiz (Auns), die ich seit der Gründung präsidierte, schrieb dem Bundesrat: Ein solcher EWR kann unterstützt werden. Denn wir waren nie gegen die europäische Idee, aber immer auch für die Souveränität der Schweiz. Das Vetorecht wurde dann im Verlauf der Verhandlungen vom Bundesrat aufgegeben.

ZEIT: Nochmals zum Gewicht dieses Sieges. Was ist das Wichtigste, das die Schweiz damit erreicht hat?

Blocher: Wir sind weder Mitglied des Kolonialvertrages EWR noch der EU. Beides wäre ein großer Schaden!

ZEIT: Was wäre denn schlimmer?

Blocher: Die Gesetzgebung geht sowohl beim EWR- als auch beim EU-Beitritt vom Schweizer Volk aufs Rathaus in Brüssel über. Die Schweizer Bürger wären entmachtet worden. Dabei ist wohl ein Kolonialvertrag noch entwürdigender als eine EU-Mitgliedschaft.

ZEIT: Was brachte der Sieg sonst noch?

Blocher: Die Sensibilisierung für die Problematik der Europafrage, des Werts der Unabhängigkeit, der Neutralität und der direkten Demokratie für die Schweiz. Das führte in der Bevölkerung zu einer anderen Grundstimmung. Das mussten Sie ja selbst in Ihrer Zeitung feststellen, bei diesen vier Jungen, die Sie interviewten: Die stiegen einfach nicht – wie von Ihnen gewünscht – auf die Barrikaden (lacht laut) . Die sagten: Uns gefällt es, wir finden es gut hier in der Schweiz! Und Sie provozierten: Gopferdeli, das isch doch en Seich, so e konservativs Land!

ZEIT: Ich stelle fest, Sie haben unsere Ausgabe über die "Generation Blocher" genau gelesen.

Blocher: Klar. Es hätte Ihnen gefallen, wenn die Jungen gesagt hätten, dieser Christoph Blocher ist wirklich ein himmeltrauriger Mensch. Aber nein, nichts da! Das ist das Resultat dieser Sensibilisierung.

ZEIT: Ist das nur eine gefühlte Veränderung?

Blocher: 1992 waren etwa 50 Prozent der Schweizer für einen EU-Beitritt, heute sind über 80 Prozent dagegen und – interessanterweise – auch die welsche Schweiz. Zum konkreten Vorteil des EWR-Neins: Weil wir nicht in der EU, weil wir nicht im EWR sind, geht es der Schweiz wirtschaftlich, gesellschaftlich und politisch besser oder auf jeden Fall weniger schlecht als den anderen Ländern.