"Mutig, dass Sie sich hierher wagen, bei all dem Blödsinn, den Sie über mich in Ihrer Zeitung geschrieben haben"

Christoph Blocher: Mutig, dass Sie sich hierher wagen, bei all dem Blödsinn, den Sie über mich in Ihrer Zeitung geschrieben haben ...

DIE ZEIT: Nun, Sie beißen ja nicht.

Blocher: Das werden wir sehen (lacht).

ZEIT: Also, Herr Blocher, was machen Sie am 6. Dezember?

Blocher: Samichlaus. Da muss ich zu den Enkeln. Ich habe zwölf Enkel, das wird streng.

ZEIT: Sie spielen den Samichlaus?

Blocher: Schon seit 50 Jahren. Solange die Kinder und dann die Enkel an den Samichlaus glaubten, haben sie nie gemerkt, dass ich es bin. Nur einer hat mal gesagt: Du, dieser Samichlaus trägt dieselben Schuhe, wie sie bei dir oben in der Winde stehen (lacht).

ZEIT: Sie könnten am 6. Dezember auch feiern. Zum 25. Mal jährt sich Ihr größter politischer Sieg: das EWR-Nein.

Blocher: Ja, das war die wichtigste Volksabstimmung im letzten Jahrhundert. Und es war der leidenschaftlichste Abstimmungskampf, den ich je geführt habe. Aber feiern? Ich habe schon am 6. Dezember 1992 nicht gefeiert.

ZEIT: Damals waren Sie so platt ...

Blocher: ... da war ich so kaputt und ausgelaugt, dass ich am Abend nur noch ins Nest fiel. Als ich nachts einmal aufwachte, hörte ich, dass da jemand Raketen zündete. Das waren meine EWR-Gegner. Sie festeten, und ich lag im Bett (lacht schallend).

ZEIT: Was haben Sie mit diesem Sieg erreicht?

Blocher: Es war ein Wunder. Es gab keinen, der Rang und Namen hatte, der nicht dafür war. Man erklärte dem Volk: Wenn ihr Nein sagt, wird die Schweiz untergehen. Andererseits ging es nicht nur um den Europäischen Wirtschaftsraum (EWR), es war auch eine Abstimmung über den EU-Beitritt. Der Bundesrat hatte realisiert: Der EWR ist ein Kolonialvertrag, den kann man nur gutheißen, wenn man später der EU beitritt.

ZEIT: Der Bundesrat hat damals dem Volk reinen Wein eingeschenkt.

Blocher: Ja, der Bundesrat erklärte etwa zwei Jahre vor der Abstimmung, er nehme die Verhandlungen über einen Beitritt zum EWR nur auf, wenn die Schweiz die Hoheit über ihre Rechtsetzung behalte: "Ohne Vetorecht der Schweiz kein EWR." Die Aktion für eine unabhängige und neutrale Schweiz (Auns), die ich seit der Gründung präsidierte, schrieb dem Bundesrat: Ein solcher EWR kann unterstützt werden. Denn wir waren nie gegen die europäische Idee, aber immer auch für die Souveränität der Schweiz. Das Vetorecht wurde dann im Verlauf der Verhandlungen vom Bundesrat aufgegeben.

ZEIT: Nochmals zum Gewicht dieses Sieges. Was ist das Wichtigste, das die Schweiz damit erreicht hat?

Blocher: Wir sind weder Mitglied des Kolonialvertrages EWR noch der EU. Beides wäre ein großer Schaden!

ZEIT: Was wäre denn schlimmer?

Blocher: Die Gesetzgebung geht sowohl beim EWR- als auch beim EU-Beitritt vom Schweizer Volk aufs Rathaus in Brüssel über. Die Schweizer Bürger wären entmachtet worden. Dabei ist wohl ein Kolonialvertrag noch entwürdigender als eine EU-Mitgliedschaft.

ZEIT: Was brachte der Sieg sonst noch?

Blocher: Die Sensibilisierung für die Problematik der Europafrage, des Werts der Unabhängigkeit, der Neutralität und der direkten Demokratie für die Schweiz. Das führte in der Bevölkerung zu einer anderen Grundstimmung. Das mussten Sie ja selbst in Ihrer Zeitung feststellen, bei diesen vier Jungen, die Sie interviewten: Die stiegen einfach nicht – wie von Ihnen gewünscht – auf die Barrikaden (lacht laut) . Die sagten: Uns gefällt es, wir finden es gut hier in der Schweiz! Und Sie provozierten: Gopferdeli, das isch doch en Seich, so e konservativs Land!

ZEIT: Ich stelle fest, Sie haben unsere Ausgabe über die "Generation Blocher" genau gelesen.

Blocher: Klar. Es hätte Ihnen gefallen, wenn die Jungen gesagt hätten, dieser Christoph Blocher ist wirklich ein himmeltrauriger Mensch. Aber nein, nichts da! Das ist das Resultat dieser Sensibilisierung.

ZEIT: Ist das nur eine gefühlte Veränderung?

Blocher: 1992 waren etwa 50 Prozent der Schweizer für einen EU-Beitritt, heute sind über 80 Prozent dagegen und – interessanterweise – auch die welsche Schweiz. Zum konkreten Vorteil des EWR-Neins: Weil wir nicht in der EU, weil wir nicht im EWR sind, geht es der Schweiz wirtschaftlich, gesellschaftlich und politisch besser oder auf jeden Fall weniger schlecht als den anderen Ländern.

"Ich habe die Demokratie immer ernst genommen"

ZEIT: Die Schweiz steckte während der neunziger Jahre länger in der Rezession als andere Länder. Und so richtig durchgestartet ist man erst wieder in den Nullerjahren.

Blocher: Erzählen Sie diesen Chabis nicht einfach den Verlierern von damals nach: Ende der achtziger Jahre, Höhepunkt war 1989, erlebten wir eine unglaublich überhitzte Konjunktur. Der Bundesrat musste Maßnahmen ergreifen: Kreditrestriktionen für die Unternehmen, hohe Zinsen, um die Konjunktur zu dämpfen, keine Arbeitsbewilligungen mehr für Ausländer. Und dann kam es, wie es immer kommt: Ab 1990 brach der Markt zusammen, mit Jahren der Rezession. Das hatte aber nichts mit dem EWR-Nein vom Dezember 1992 zu tun. Die Rezession dauerte nur bis 1997. Der Aufschwung hat also nichts mit den Bilateralen zu tun, die erst 1999 beschlossen und ab 2002 in Kraft traten – die volle Personenfreizügigkeit erst ab 2007.

ZEIT: Aber Sie würden meine These unterschreiben: Der stärkste Effekt des EWR-Neins und des Aufstiegs der SVP ist es, dass das ganze politische System nach rechts gerutscht ist.

Blocher: Die traditionellen Werte der Schweiz werden wieder hochgehalten. Wenn Sie dies als rechts bezeichnen – ja. Das gilt auch auf anderen Gebieten. In meiner Studentenzeit predigte man die sexuelle Befreiung, wer nicht mitmachte, galt geradezu als verklemmt. Und heute werden die "Befreier" wegen Sexismus und als Pädophile verfolgt und können nur wegen Verjährung nicht bestraft werden.

ZEIT: Wenn Sie selbst feststellen, dass die Schweiz konservativer geworden ist, warum beklagen Sie dann noch immer, dass ein linker Mainstream dominiert?

Blocher: Konservativer ist die Bevölkerung, nicht aber die classe politique. Schon bei der EWR-Abstimmung war es so: Die classe politique war für den EWR, die Bürger und Bürgerinnen waren dagegen. Weil ihnen die Macht weggenommen werden sollte.

ZEIT: Sie sind seit über 40 Jahren in der Politik. Wird man da nicht automatisch Teil der classe politique?

Blocher: Die Gefahr besteht. In der Schweiz ist sie allerdings etwas kleiner, dank der direkten Demokratie. Politiker können sich weniger gut abschotten, sie müssen immer wieder vor dem Volk Rechenschaft ablegen.

ZEIT: Bis Anfang der neunziger Jahre herrschte in der Schweiz ein mächtiger Filz aus Armee, Politik und Wirtschaft. Heute ist der völlig bedeutungslos ...

Blocher: Nein, nein, nein, nein, da müssen Sie aufpassen!

ZEIT: Darf ich zuerst meine Frage stellen? Gibt es die classe politique überhaupt noch?

Blocher: Eindeutig. Ein kleines Land wie die Schweiz ist besonders gefährdet. Dagegenhalten können Sie nur, wenn Sie wirtschaftlich, gesellschaftlich und geistig unabhängig sind. Da habe ich einen Vorteil: Ich habe für meine Gegner eine beängstigende Unabhängigkeit. Aber und gewiss: Seit der EWR-Abstimmung hat sich die Situation etwas gebessert. Die Zeiten, da man andere Meinungen totgeschlagen hat, die sind in der Schweiz vorbei.

ZEIT: Habe ich das richtig verstanden: Unabhängig kann nur sein, wer genügend Geld hat?

Blocher: Nein, aber er darf nicht vom Geld abhängig sein. Es gibt noch viele, die viel Geld haben, aber nicht unabhängig sind.

ZEIT: Haben die Schiss?

Blocher: Wenn Sie in jedem Service-Clübchen und bei Prominenten-Anlässen dabei sein und an jeder Einladung gesehen werden wollen, dann geht das nicht. Diese Dinge waren mir stets zuwider. Als selbstständiger Unternehmer, der in der Schweiz so gut wie keine Kunden hat und vom Staat nichts will und nicht in erster Linie sein Image pflegt, hatte ich eine Vorzugsposition.

ZEIT: Wie sähe denn diese Schweiz aus, die von ökonomisch und geistig unabhängigen Personen regiert würde: Wäre das eine moderne Form der Plutokratie?

Blocher: Eine Plutokratie besteht nie aus unabhängigen Leuten. Das Volk hat immer das Recht abzustimmen. An den Entscheid müssen sich alle halten – auch die Unabhängigen. Ich habe die Demokratie immer ernst genommen. Und ich habe öfter verloren als gewonnen. Wobei (lacht): Nicht jede Niederlage war tatsächlich eine Niederlage.

ZEIT: Sie haben das Stöckchen immer so weit geworfen, dass Sie wussten, wenn auch nur ein Teil der Forderungen erfüllt würde, hätten Sie gewonnen.

Blocher: Manchmal. Aber: Auch die direkte Demokratie braucht eine echte Elite. Eine, die den Menschen frei darlegen und begründen kann, was die Vor- und Nachteile einer Abstimmungsfrage sind, damit diese eine Entscheidung fällen können. Ich habe den Menschen nie gesagt, ihr müsst mir folgen. Nie! Aber ich versuchte, sie zu überzeugen, dass sie bei einem EU-Beitritt ihr Stimmrecht verlieren (haut auf den Tisch). Wollt ihr das? Natürlich hätten wir es angenehmer an der Grenze, natürlich hätten wir es da und dort im Handel vielleicht leichter. Aber wollt ihr dafür auf eure Möglichkeit verzichten, über euer Schicksal selbst zu entscheiden? Die da oben in Brüssel, die befehlen dann!

"Wir brauchen gar nichts von der EU"

ZEIT: In der Politik sollen die Probleme doch auf jener Ebene angegangen werden, auf der sie sich stellen: in der Gemeinde, beim Kanton, beim Bund oder – wenn es um internationale Fragen geht – vielleicht auch in Brüssel. Die Welt hat sich geändert, wir leben nicht mehr im 19. Jahrhundert, die Probleme haben sich internationalisiert.

Blocher: Ooooohh! Einem Politiker, der bei einer Rede den Einstieg nicht findet, gebe ich den Rat: Ihr könnt immer mit demselben Satz beginnen: "Die Welt hat sich geändert." Der stimmt einfach immer (lacht schallend) . Aber hat sich die Welt wirklich so stark geändert? Ich kenne das Ausland sehr gut. Wir exportieren mit der Ems-Chemie über 90 Prozent der Produkte ins Ausland. Nicht nur nach Europa, auch nach Asien. Ich habe immer gesagt: Meine lieben Leute, ihr müsst global denken, aber lokal handeln. Die Politiker machen es umgekehrt: Sie wollen global handeln und denken lokal – nämlich an die eigene Karriere.

ZEIT: Es hat sich doch einiges geändert: Die vier jungen Schweizer, die wir interviewten, die haben keine Schlagbäume mehr an den innereuropäischen Grenzen erlebt. Die leben ein völlig anderes Leben als Sie.

Blocher: Ich bin 1940 an der Grenze geboren. Schlagbäume hatten wir nur bis 1945, danach waren die Grenzen offen, da gab es einen kleinen Grenzverkehr zu den deutschen Gemeinden.

ZEIT: Für die Jungen ist es heute auch vollkommen normal, dass sie im Ausland studieren.

Blocher: Früher auch, wenn sie wollten. Ich habe vor 50 Jahren erfahren, dass eine Studentenverbindung einem mittellosen Studenten ein Auslandssemester in Frankreich bezahlen würde. Da habe ich einen Zweizeiler geschrieben, ich sei ein mittelloser Student und interessiere mich für das Angebot. Darauf bekam ich einen Brief, in dem es hieß, ich könne gehen, ich sei der Einzige, der sich beworben hätte. Oder meine Kinder: Die waren alle in diesen Austauschprogrammen, lange vor den Bilateralen. Aber wenn Sie einen Vertrag mit der EU unterschreiben, der jedem ausländischen Studenten erlaubt, an jeder Schweizer Uni zu studieren, dann stimmt die Rechnung eben nicht. Der Zürcher baut seine Universität und bezahlt sie. Die Studenten aber kommen aus den Ländern, in denen keine Universitäten gebaut werden, sind völlig gleichberechtigt und besetzen hier die Plätze.

ZEIT: Dasselbe könnten Sie den Zugern, Glarnern, Schwyzern und Bündnern vorwerfen, die haben auch keine Universitäten.

Blocher: Die bezahlen für jeden Studenten.

ZEIT: Am Schluss bleibt viel an den Universitätskantonen hängen.

Blocher: Das liegt an den Universitätskantonen. In Europa stimmt die Verantwortung nicht mehr. Wer bezahlt wie viel – und wer profitiert davon? Es studieren viel mehr Europäer in der Schweiz als Schweizer im Ausland!

ZEIT: In den kommenden Jahren stimmen wir in der Schweiz über eine ganze Reihe von SVP-Initiativen ab: Im März geht es um die Abschaffung der SRG, dann kommt die sogenannte Selbstbestimmungsinitiative vors Volk, später die Kündigung der Personenfreizügigkeit. Täuscht der Eindruck, oder stehen wir heute wieder an einem Wendepunkt?

Blocher: Jetzt kommen wir zur negativen Entwicklung seit dem EWR-Nein: Die Verlierer – die classe politique – haben den demokratischen Entscheid nie anerkannt.

ZEIT: Das stimmt doch nicht.

Blocher: Die haben den Entscheid innerlich nie anerkannt. Nie!

ZEIT: Sie finden doch heute niemanden mehr, schon gar nicht in der Bundesverwaltung, der für einen EU-Beitritt einsteht.

Blocher: Sie sagen nicht, was sie denken und wie sie handeln.

ZEIT: Ein Schweigekartell, ernsthaft?

Blocher: Das fing am Abstimmungssonntag im Dezember 1992 an, als Bundesrat Jean-Pascal Delamuraz sagte: "C’est un dimanche noir." Er hat dabei fast geweint. Und der EU sagte man stets: Wir kommen dann schon. Darum findet die EU, wir könnten doch alle EU-Gesetze übernehmen, wenn wir sowieso in die EU möchten. Schauen Sie sich mal die Stellung der Schweiz in Europa an: Die EU exportiert viel mehr in die Schweiz als wir in die EU. Denken Sie, einen so guten, zahlungskräftigen Kunden lässt man einfach sitzen? Wir brauchen gar nichts von der EU.

ZEIT: Die Verträge geben uns die Möglichkeit, an einem Binnenmarkt teilzunehmen, der etwa 15 Billionen Franken ...

Blocher: ... sind Sie Ökonom?

ZEIT: Nein, Historiker.

Blocher: Dann sind Sie entschuldigt. So was können nur Leute erzählen, die nichts von Ökonomie verstehen. Glauben Sie, wegen dieser bilateralen Verträge hätten wir nur einen einzigen Franken mehr verdient? Für die EU ist das Transportabkommen der wichtigste Vertrag. Wir bauen sogar Eisenbahntunnel durch die Alpen für sie, die wir nicht richtig nutzen können, weil die Anschlüsse in Italien oder Deutschland nicht fertig sind. Deshalb bezahlen wir diese auch noch! Ein einziger Vertrag hat für beide Seiten eine gewisse Bedeutung: jener über die technischen Handelshemmnisse. Klar, die Wirtschaft will die Personenfreizügigkeit, sie kann ihr Personal aus 700 Millionen Leuten auswählen, das Wohl der Schweizer interessiert da wenig.

"Entscheide werden besser, wenn sie erstritten werden"

ZEIT: Ich habe als Schweizer die Möglichkeit, mir im ganzen EU-Raum einen Job zu suchen.

Blocher: Ja, gut. Versuchen Sie, dort eine gut bezahlte Stelle zu finden. Das sind aber nicht die Interessen der Manager.

ZEIT: Aber meines! Doch kommen wir zurück zur Frage, ob wir uns an einem Wendepunkt befinden. Was ich nicht verstehe: Sie sagen, die Schweiz stehe eigentlich gut da, gleichzeitig fahren Sie mit Ihren neuen Initiativen schweres Geschütz auf. Wieso das?

Blocher: Erstens: weil die classe politique das Resultat von 1992 bis heute nicht anerkennt und sich über direktdemokratische Entscheide hinwegsetzt, den Volkswillen missachtet und trotz des Volksentscheids in Richtung EU treibt. Das sehen Sie bei der Nichtumsetzung der Masseneinwanderungsinitiative. Das sind schlimme Entwicklungen.

ZEIT: Deshalb wollen Sie die Menschenrechtskonvention aufkündigen?

Blocher: Das wollen wir nicht. Aber wir wollen, dass die Bundesverfassung die oberste Richtschnur in unserem Land ist.

ZEIT: Der Initiativtext ist hier zweideutig. Klar ist hingegen: Sie wollen die Personenfreizügigkeit mit der EU loswerden.

Blocher: Die Personenfreizügigkeit hat das Volk nur angenommen, weil der Bundesrat keine negativen Folgen prophezeite: Es würden nur 8.000 bis 10.000 Menschen pro Jahr kommen. Am Ende waren es dann aber 800.000 in zehn Jahren! Da sagte das Volk: So geht es nicht, und stimmte der Masseneinwanderungsinitiative zu, und die Staatsgewalten weigern sich, dies umzusetzen.

ZEIT: Herr Blocher, was ist eigentlich Ihre Vision der Schweiz?

Blocher: Die Schweiz ist ein kleines Land und soll das auch bleiben. Wir müssen festhalten an dieser bewährten Verfassung, in der die Gesetzgebungshoheit beim Volk liegt. Festhalten an den demokratischen Grundsätzen. Und als freies Land darauf schauen, dass wir höchste Qualität behalten. Das ist der Sonderfall Schweiz: innovative Produkte, höchste Qualität. Nicht nur in der Wirtschaft, auch in der Bildung.

ZEIT: Überall top sein, reicht das?

Blocher: Den Bürger in den Mittelpunkt stellen. Ich habe Vertrauen in den Bürger, aber wenig Vertrauen in die Akademiker der Hochschulen, was Politik anbelangt.

ZEIT: Wie wollen Sie eine Top-Nation sein ohne Akademiker?

Blocher: Wir brauchen gute Akademiker, aber vor allem auch gute Berufsleute. Wir sind heute noch spitze. Aber der EU-Beitritt harmonisiert alles, für uns sinkt das Niveau. Das gilt auch für die Bildung. Wie heißt dieses Gleichmachersystem an den Universitäten? Ach ja – Bologna. Das ist doch eine Nivellierung nach unten!

ZEIT: Lassen Sie uns ein paar Thesen Ihrer politischen Gegner diskutieren. Der Wirtschaftshistoriker Hansjörg Siegenthaler sagte: Christoph Blocher will die Schweiz zu einem Alpen-Emirat mit ein paar Hundert Global Playern machen.

Blocher: Weiß nicht, wie der auf diese Bieridee kommt. Wenn ich von Herrliberg nach Ems fahre, auf der Hauptstraße, nicht der Autobahn, dann fahre ich an über 50 kleinen und mittleren Unternehmen vorbei, die alle eine Topstellung auf der Welt haben – von denen spricht niemand! Aber das sind die tragenden Säulen der Wirtschaft.

ZEIT: Siegenthaler sagt: Für kleinere Firmen wäre es einfacher und günstiger, in die EU zu exportieren, wenn die Schweiz selbst Mitglied wäre.

Blocher: Es mag einzelne Vorteilchen haben, aber sehr viele Nachteile, die wir hätten, wenn wir EU-Mitglied wären. Der wichtigste Vertrag mit der EU ist der Freihandelsvertrag von 1972. Nun ist der im Dienstleistungsbereich nicht ganz vollständig, darüber beklagen sich vor allem die Banken. Müssen sie sich halt den Zugang erzwingen. Aber was machen wir Trottel? Die Schweiz akzeptierte den automatischen Informationsaustausch, ohne dass sie dafür den freien Marktzugang für die Banken bekommt.

ZEIT: Zweite These: Der SP-Doyen Helmut Hubacher vermutet, Ihr Ziel sei es, einen bürgerlichen Bundesrat zu installieren. Mit drei SVP-Mitgliedern und vier FDP- oder CVP-Bundesräten, von denen jeweils einer mit der SVP stimmt.

Blocher: Es ist interessant, zu sehen, wie viele Leute wissen, was ich will.

ZEIT: Stimmt es?

Blocher: Dumme Seich! Natürlich will jede Partei möglichst viel Einfluss im Staat. Aber wissen Sie, Herr Hubacher sagte 1976, als die SVP nicht einmal mehr 10 Prozent hatte, diese Partei sollte aus dem Bundesrat raus, sie sei zu klein. Wir haben 2015 so viele Stimmen erhalten, wie noch nie eine Partei sie in der Schweiz erhalten hat. Und ausgerechnet die Sozialdemokraten wollten der größten Partei keinen zweiten Sitz geben. Kämen die Sozialdemokraten auf diesen Stimmenanteil, sie würden einen dritten Bundesratssitz fordern. Wir nicht.

ZEIT: Wäre eine rein bürgerliche Regierung besser für die Schweiz?

Blocher: Ja, wenn sie wirklich bürgerlich wäre. Aber wenn es sieben Bürgerliche wären, dann wären die nicht bürgerlich.

ZEIT: Bitte?

Blocher: Bürgerlich ist man nicht automatisch, nur weil man einer bürgerlichen Partei angehört.

ZEIT: Das behaupten Sie immer: Alles, was links von Ihnen ist, ist nicht bürgerlich.

Blocher: Was auch stimmt.

ZEIT: Dann stimmt also die These von Schriftsteller Peter Bichsel: Blocher will die ganze Macht?

Blocher: Nein, das stimmt nicht. Ich glaube nicht, dass es gut rauskäme.

ZEIT: Wieso?

Blocher: Entscheide werden besser, wenn sie erstritten werden. Nicht nur in der Politik. Ich habe in meinen Unternehmen immer dafür gesorgt, dass ein Antrag, den jemand stellte, von einem anderen verrissen wird. Mit einer Einheitsregierung wäre das schwierig.

"Ich hatte noch nie im Leben einen Fernseher"

ZEIT: Nun waren Sie Industrieller, Bundesrat, und jetzt sind Sie Medienunternehmer ...

Blocher: ... wie gesagt: Das mache ich nebenbei.

ZEIT: Auch wenn es nur Ihr Hobby wäre, was war bisher der interessanteste Job?

Blocher: Industrieller.

ZEIT: Was fasziniert Sie an den Medien?

Blocher: Eigentlich nichts. Sicher sind sie keine Kapitalanlage (lacht)! Aber ich sah: Es gibt eine Machtkonzentration unter den Verlegern. In einer Demokratie darf es doch keine Monopolzeitungen geben, wir brauchen immer mindestens zwei.

ZEIT: Interessant: Ihre Gegner argumentieren ebenfalls mit der Sorge um die Medienvielfalt, wenn sie vor Blocher und seiner Medienmacht warnen.

Blocher: Sie wollen nicht Medienvielfalt, sondern keinen Blocher. Woher diese Angst vor diesen Gratis-Anzeigern?

ZEIT: Was haben Sie mit diesen Anzeigern vor?

Blocher: Herausgeben. Und wirtschaftlich führen. Verluste wären lebensfremd. Eine solche Zeitung müsste früher oder später verschwinden. Die BaZ schrieb vor der Übernahme zwölf Millionen Franken Verlust im Jahr. Heute schreibt sie schwarze Zahlen.

ZEIT: Sie sagten, Sie würden keine Zeitung kaufen, um damit Geld zu verdienen. Also geht es Ihnen um die Publizistik. Haben Sie Ihre Ziele mit der BaZ erreicht?

Blocher: Ich nehme keinen Einfluss auf den publizistischen Kurs. Aber die Zeitung ist mit Markus Somm als Chefredakteur eine gute Zeitung. Somm hat den Vorteil, dass er 20 Jahre lang beim Tages-Anzeiger die sozialistischen Irrwege durchgemacht und gemerkt hat: Das ist ein Seich.

ZEIT: Sind linke Konvertiten die besseren Rechten?

Blocher: Ja, vielleicht.

ZEIT: Konvertiten tendieren zum Extremismus.

Blocher: Genau, da muss man aufpassen. Aber bei Somm sehe ich noch keine Gefahr.

ZEIT: Noch nicht?

Blocher: Man weiß nie, was kommt (lacht laut). Ernsthaft: Somm ist ein gescheiter, unabhängiger Kopf. Die einzige Auflage, die er publizistisch hat, ist: Er muss jede Woche einen Leitartikel schreiben.

ZEIT: Das steht in seinem Arbeitsvertrag?

Blocher: Ja. Wissen Sie, warum?

ZEIT: Sie wollen wissen, was Ihr Angestellter denkt?

Blocher: Nein, das weiß man hoffentlich auch so: Aber vielerorts schreiben die Chefredakteure gar nicht mehr. Bei der Züri-Ziitig hat der frühere Chef wochenlang nichts geschrieben. Dagegen erinnere ich mich an die Vorgänger Fridolin Luchsinger und Willy Bretscher, die jeden Samstag mit einer politischen Botschaft hinstanden. Moderne Chefredakteure verteilen nur die Arbeit. Das finde ich nicht gut.

ZEIT: Ein paar Branchengerüchte ...

Blocher: ... nur zu.

ZEIT: Sie haben die Gratis-Anzeiger nur gekauft, um daraus eine nationale BaZ zu machen.

Blocher: Schauen wir mal. Es sind lokale Gratisblätter.

ZEIT: Werden Sie den Samstagskommentar von Somm in den Anzeigern abdrucken?

Blocher: Warum nicht?

ZEIT: Nächstes Gerücht: Sie interessieren sich nicht für die BaZ oder die Anzeiger, eigentlich wollen Sie noch immer die NZZ übernehmen.

Blocher: Ein weiteres Ammenmärchen. Damit soll wohl die NZZ aufgewertet werden. Unter Chefredakteur Eric Gujer ist sie etwas besser geworden.

ZEIT: Auch die NZZ rückte also, wie die ganze Schweiz, nach rechts?

Blocher: Die bekam sicher aus dem Aktionariat und von den Lesern auch entsprechende Vorwürfe, die Zeitung habe sich verschlechtert und nach links verschoben.

ZEIT: Haben Sie sich persönlich eingemischt?

Blocher: Nein. Aber ich lese sie.

ZEIT: Es gab den Versuch, Markus Somm, Ihren Chefredakteur, an die Spitze der NZZ- Redaktion zu setzen.

Blocher: Sicher nicht von mir.

ZEIT: Somm sollte NZZ- Chefredakteur werden.

Blocher: Die Züri-Ziitig hat ihn geholt, er zeigte Interesse. Obschon ich einen Nachfolger in Basel hätte suchen müssen, hätte ich der NZZ einen guten Chefredakteur gegönnt. Dann hat er aber abgesagt!

ZEIT: Ein weiteres Branchengerücht: Sie wollen mit der No-Billag-Initiative die SRG abschaffen, um endlich ein nationales Tele Blocher aufzubauen.

Blocher: Die No-Billag stammt nicht von mir und nicht von der SVP. Aber Tele Blocher ist schon heute der größte internationale Sender, der jede Woche weltweit auf Mundart sendet (lacht laut).

ZEIT: Ernsthaft: Solange eine SRG den TV-Markt dominiert, ist es für Private unmöglich, in der Schweiz einen Sender gewinnbringend zu betreiben.

Blocher: Sicher, solange er durch Zwangsgebühren finanziert wird, ist und bleibt er konkurrenzlos. Jetzt hat man daraus sogar eine Steuer für jedermann gemacht. Das ist eine Sauerei! Ich werde Ja bei der No-Billag-Initiative stimmen.

ZEIT: Deshalb wollen Sie die SRG zerschlagen?

Blocher: Das war nie meine Absicht. Gewisse Sachen können Sie mit einem privaten TV-Sender nicht machen, dafür ist die Schweiz mit ihren vier Sprachen zu klein. Aber ein staatliches Fernsehen braucht es nicht für alles. Es gibt vieles, das Private auch machen können. Das muss man nun mal ausbeineln.

ZEIT: Wie soll das funktionieren, wenn die Initiative angenommen werden sollte?

Blocher: Man muss einfach eine neue Gesellschaft gründen.

ZEIT: Das verbietet dann die Bundesverfassung. Dort steht: Der Staat dürfe keine Gebühren erheben, keine Sender betreiben außer im Kriegsfall.

Blocher: Aber ohne Zwangsgebühren kämen vielleicht andere, die das Gleiche täten.

ZEIT: Sie zum Beispiel?

Blocher: Nein, ich hatte noch nie im Leben einen Fernseher.

ZEIT: Interessant wäre es aber für Sie, nicht? Die Reichweite eines TV-Senders ist viel größer als jene einer Tages- oder Wochenzeitung.

Blocher: Ich werde sicher nicht einsteigen. Aber hören Sie auf, diese Initiative wird ja mit Bestimmtheit nicht angenommen werden.

ZEIT: Was macht Sie da so sicher?

Blocher: Die Schweizer wollen nicht auf ihr Fernsehen verzichten.

ZEIT: Zum Schluss, Herr Können Sie eigentlich gut loslassen?

Blocher: Ja, sehr gut. Ich will mal einen anderen sehen, der (haut auf den Tisch) sein Unternehmen so konsequent abgibt.

ZEIT: Gilt das auch für die Politik?

Blocher: Ich bin nicht mehr Nationalrat, ich konzentriere mich auf die Strategie der Partei.

ZEIT: Wie wichtig ist es Ihnen, dass die Firma und die Macht in der Partei in Ihrer Familie bleiben?

Blocher: Es würde mich unheimlich mögen, wenn ich sähe, das Unternehmen geht das Loch runter. Es ist natürlich, dass meine Kinder dort übernehmen. Sie machen es auch gut.

ZEIT: In Ihrem Unternehmen, das leuchtet ein, aber auch in der Partei?

Blocher: Ich bin nicht für die Nachfolge verantwortlich. Aber ich helfe mit, dass überall gute Leute sind.

ZEIT: Würden Sie es verkraften, wenn die SVP massiv Wähler verlieren würde?

Blocher: Wenn sie verliert, weil die anderen Parteien unsere gute Politik auch übernehmen – dann nicht. Schlimm wäre, wenn die SVP den gleichen Seich wie alle anderen Parteien vertreten würde. Dann wäre es gescheiter, sie würde sterben.

ZEIT: Apropos sterben: Wen wollen Sie auf Ihrer Beerdigung sicher nicht dabeihaben?

Blocher: Es können alle kommen. Auch jene, die sich freuen, wenn ich endlich weg bin.