ZEIT: Die Schweiz steckte während der neunziger Jahre länger in der Rezession als andere Länder. Und so richtig durchgestartet ist man erst wieder in den Nullerjahren.

Blocher: Erzählen Sie diesen Chabis nicht einfach den Verlierern von damals nach: Ende der achtziger Jahre, Höhepunkt war 1989, erlebten wir eine unglaublich überhitzte Konjunktur. Der Bundesrat musste Maßnahmen ergreifen: Kreditrestriktionen für die Unternehmen, hohe Zinsen, um die Konjunktur zu dämpfen, keine Arbeitsbewilligungen mehr für Ausländer. Und dann kam es, wie es immer kommt: Ab 1990 brach der Markt zusammen, mit Jahren der Rezession. Das hatte aber nichts mit dem EWR-Nein vom Dezember 1992 zu tun. Die Rezession dauerte nur bis 1997. Der Aufschwung hat also nichts mit den Bilateralen zu tun, die erst 1999 beschlossen und ab 2002 in Kraft traten – die volle Personenfreizügigkeit erst ab 2007.

ZEIT: Aber Sie würden meine These unterschreiben: Der stärkste Effekt des EWR-Neins und des Aufstiegs der SVP ist es, dass das ganze politische System nach rechts gerutscht ist.

Blocher: Die traditionellen Werte der Schweiz werden wieder hochgehalten. Wenn Sie dies als rechts bezeichnen – ja. Das gilt auch auf anderen Gebieten. In meiner Studentenzeit predigte man die sexuelle Befreiung, wer nicht mitmachte, galt geradezu als verklemmt. Und heute werden die "Befreier" wegen Sexismus und als Pädophile verfolgt und können nur wegen Verjährung nicht bestraft werden.

ZEIT: Wenn Sie selbst feststellen, dass die Schweiz konservativer geworden ist, warum beklagen Sie dann noch immer, dass ein linker Mainstream dominiert?

Blocher: Konservativer ist die Bevölkerung, nicht aber die classe politique. Schon bei der EWR-Abstimmung war es so: Die classe politique war für den EWR, die Bürger und Bürgerinnen waren dagegen. Weil ihnen die Macht weggenommen werden sollte.

ZEIT: Sie sind seit über 40 Jahren in der Politik. Wird man da nicht automatisch Teil der classe politique?

Blocher: Die Gefahr besteht. In der Schweiz ist sie allerdings etwas kleiner, dank der direkten Demokratie. Politiker können sich weniger gut abschotten, sie müssen immer wieder vor dem Volk Rechenschaft ablegen.

ZEIT: Bis Anfang der neunziger Jahre herrschte in der Schweiz ein mächtiger Filz aus Armee, Politik und Wirtschaft. Heute ist der völlig bedeutungslos ...

Blocher: Nein, nein, nein, nein, da müssen Sie aufpassen!

ZEIT: Darf ich zuerst meine Frage stellen? Gibt es die classe politique überhaupt noch?

Blocher: Eindeutig. Ein kleines Land wie die Schweiz ist besonders gefährdet. Dagegenhalten können Sie nur, wenn Sie wirtschaftlich, gesellschaftlich und geistig unabhängig sind. Da habe ich einen Vorteil: Ich habe für meine Gegner eine beängstigende Unabhängigkeit. Aber und gewiss: Seit der EWR-Abstimmung hat sich die Situation etwas gebessert. Die Zeiten, da man andere Meinungen totgeschlagen hat, die sind in der Schweiz vorbei.

ZEIT: Habe ich das richtig verstanden: Unabhängig kann nur sein, wer genügend Geld hat?

Blocher: Nein, aber er darf nicht vom Geld abhängig sein. Es gibt noch viele, die viel Geld haben, aber nicht unabhängig sind.

ZEIT: Haben die Schiss?

Blocher: Wenn Sie in jedem Service-Clübchen und bei Prominenten-Anlässen dabei sein und an jeder Einladung gesehen werden wollen, dann geht das nicht. Diese Dinge waren mir stets zuwider. Als selbstständiger Unternehmer, der in der Schweiz so gut wie keine Kunden hat und vom Staat nichts will und nicht in erster Linie sein Image pflegt, hatte ich eine Vorzugsposition.

ZEIT: Wie sähe denn diese Schweiz aus, die von ökonomisch und geistig unabhängigen Personen regiert würde: Wäre das eine moderne Form der Plutokratie?

Blocher: Eine Plutokratie besteht nie aus unabhängigen Leuten. Das Volk hat immer das Recht abzustimmen. An den Entscheid müssen sich alle halten – auch die Unabhängigen. Ich habe die Demokratie immer ernst genommen. Und ich habe öfter verloren als gewonnen. Wobei (lacht): Nicht jede Niederlage war tatsächlich eine Niederlage.

ZEIT: Sie haben das Stöckchen immer so weit geworfen, dass Sie wussten, wenn auch nur ein Teil der Forderungen erfüllt würde, hätten Sie gewonnen.

Blocher: Manchmal. Aber: Auch die direkte Demokratie braucht eine echte Elite. Eine, die den Menschen frei darlegen und begründen kann, was die Vor- und Nachteile einer Abstimmungsfrage sind, damit diese eine Entscheidung fällen können. Ich habe den Menschen nie gesagt, ihr müsst mir folgen. Nie! Aber ich versuchte, sie zu überzeugen, dass sie bei einem EU-Beitritt ihr Stimmrecht verlieren (haut auf den Tisch). Wollt ihr das? Natürlich hätten wir es angenehmer an der Grenze, natürlich hätten wir es da und dort im Handel vielleicht leichter. Aber wollt ihr dafür auf eure Möglichkeit verzichten, über euer Schicksal selbst zu entscheiden? Die da oben in Brüssel, die befehlen dann!