ZEIT: In der Politik sollen die Probleme doch auf jener Ebene angegangen werden, auf der sie sich stellen: in der Gemeinde, beim Kanton, beim Bund oder – wenn es um internationale Fragen geht – vielleicht auch in Brüssel. Die Welt hat sich geändert, wir leben nicht mehr im 19. Jahrhundert, die Probleme haben sich internationalisiert.

Blocher: Ooooohh! Einem Politiker, der bei einer Rede den Einstieg nicht findet, gebe ich den Rat: Ihr könnt immer mit demselben Satz beginnen: "Die Welt hat sich geändert." Der stimmt einfach immer (lacht schallend) . Aber hat sich die Welt wirklich so stark geändert? Ich kenne das Ausland sehr gut. Wir exportieren mit der Ems-Chemie über 90 Prozent der Produkte ins Ausland. Nicht nur nach Europa, auch nach Asien. Ich habe immer gesagt: Meine lieben Leute, ihr müsst global denken, aber lokal handeln. Die Politiker machen es umgekehrt: Sie wollen global handeln und denken lokal – nämlich an die eigene Karriere.

ZEIT: Es hat sich doch einiges geändert: Die vier jungen Schweizer, die wir interviewten, die haben keine Schlagbäume mehr an den innereuropäischen Grenzen erlebt. Die leben ein völlig anderes Leben als Sie.

Blocher: Ich bin 1940 an der Grenze geboren. Schlagbäume hatten wir nur bis 1945, danach waren die Grenzen offen, da gab es einen kleinen Grenzverkehr zu den deutschen Gemeinden.

ZEIT: Für die Jungen ist es heute auch vollkommen normal, dass sie im Ausland studieren.

Blocher: Früher auch, wenn sie wollten. Ich habe vor 50 Jahren erfahren, dass eine Studentenverbindung einem mittellosen Studenten ein Auslandssemester in Frankreich bezahlen würde. Da habe ich einen Zweizeiler geschrieben, ich sei ein mittelloser Student und interessiere mich für das Angebot. Darauf bekam ich einen Brief, in dem es hieß, ich könne gehen, ich sei der Einzige, der sich beworben hätte. Oder meine Kinder: Die waren alle in diesen Austauschprogrammen, lange vor den Bilateralen. Aber wenn Sie einen Vertrag mit der EU unterschreiben, der jedem ausländischen Studenten erlaubt, an jeder Schweizer Uni zu studieren, dann stimmt die Rechnung eben nicht. Der Zürcher baut seine Universität und bezahlt sie. Die Studenten aber kommen aus den Ländern, in denen keine Universitäten gebaut werden, sind völlig gleichberechtigt und besetzen hier die Plätze.

ZEIT: Dasselbe könnten Sie den Zugern, Glarnern, Schwyzern und Bündnern vorwerfen, die haben auch keine Universitäten.

Blocher: Die bezahlen für jeden Studenten.

ZEIT: Am Schluss bleibt viel an den Universitätskantonen hängen.

Blocher: Das liegt an den Universitätskantonen. In Europa stimmt die Verantwortung nicht mehr. Wer bezahlt wie viel – und wer profitiert davon? Es studieren viel mehr Europäer in der Schweiz als Schweizer im Ausland!

ZEIT: In den kommenden Jahren stimmen wir in der Schweiz über eine ganze Reihe von SVP-Initiativen ab: Im März geht es um die Abschaffung der SRG, dann kommt die sogenannte Selbstbestimmungsinitiative vors Volk, später die Kündigung der Personenfreizügigkeit. Täuscht der Eindruck, oder stehen wir heute wieder an einem Wendepunkt?

Blocher: Jetzt kommen wir zur negativen Entwicklung seit dem EWR-Nein: Die Verlierer – die classe politique – haben den demokratischen Entscheid nie anerkannt.

ZEIT: Das stimmt doch nicht.

Blocher: Die haben den Entscheid innerlich nie anerkannt. Nie!

ZEIT: Sie finden doch heute niemanden mehr, schon gar nicht in der Bundesverwaltung, der für einen EU-Beitritt einsteht.

Blocher: Sie sagen nicht, was sie denken und wie sie handeln.

ZEIT: Ein Schweigekartell, ernsthaft?

Blocher: Das fing am Abstimmungssonntag im Dezember 1992 an, als Bundesrat Jean-Pascal Delamuraz sagte: "C’est un dimanche noir." Er hat dabei fast geweint. Und der EU sagte man stets: Wir kommen dann schon. Darum findet die EU, wir könnten doch alle EU-Gesetze übernehmen, wenn wir sowieso in die EU möchten. Schauen Sie sich mal die Stellung der Schweiz in Europa an: Die EU exportiert viel mehr in die Schweiz als wir in die EU. Denken Sie, einen so guten, zahlungskräftigen Kunden lässt man einfach sitzen? Wir brauchen gar nichts von der EU.

ZEIT: Die Verträge geben uns die Möglichkeit, an einem Binnenmarkt teilzunehmen, der etwa 15 Billionen Franken ...

Blocher: ... sind Sie Ökonom?

ZEIT: Nein, Historiker.

Blocher: Dann sind Sie entschuldigt. So was können nur Leute erzählen, die nichts von Ökonomie verstehen. Glauben Sie, wegen dieser bilateralen Verträge hätten wir nur einen einzigen Franken mehr verdient? Für die EU ist das Transportabkommen der wichtigste Vertrag. Wir bauen sogar Eisenbahntunnel durch die Alpen für sie, die wir nicht richtig nutzen können, weil die Anschlüsse in Italien oder Deutschland nicht fertig sind. Deshalb bezahlen wir diese auch noch! Ein einziger Vertrag hat für beide Seiten eine gewisse Bedeutung: jener über die technischen Handelshemmnisse. Klar, die Wirtschaft will die Personenfreizügigkeit, sie kann ihr Personal aus 700 Millionen Leuten auswählen, das Wohl der Schweizer interessiert da wenig.