ZEIT: Ich habe als Schweizer die Möglichkeit, mir im ganzen EU-Raum einen Job zu suchen.

Blocher: Ja, gut. Versuchen Sie, dort eine gut bezahlte Stelle zu finden. Das sind aber nicht die Interessen der Manager.

ZEIT: Aber meines! Doch kommen wir zurück zur Frage, ob wir uns an einem Wendepunkt befinden. Was ich nicht verstehe: Sie sagen, die Schweiz stehe eigentlich gut da, gleichzeitig fahren Sie mit Ihren neuen Initiativen schweres Geschütz auf. Wieso das?

Blocher: Erstens: weil die classe politique das Resultat von 1992 bis heute nicht anerkennt und sich über direktdemokratische Entscheide hinwegsetzt, den Volkswillen missachtet und trotz des Volksentscheids in Richtung EU treibt. Das sehen Sie bei der Nichtumsetzung der Masseneinwanderungsinitiative. Das sind schlimme Entwicklungen.

ZEIT: Deshalb wollen Sie die Menschenrechtskonvention aufkündigen?

Blocher: Das wollen wir nicht. Aber wir wollen, dass die Bundesverfassung die oberste Richtschnur in unserem Land ist.

ZEIT: Der Initiativtext ist hier zweideutig. Klar ist hingegen: Sie wollen die Personenfreizügigkeit mit der EU loswerden.

Blocher: Die Personenfreizügigkeit hat das Volk nur angenommen, weil der Bundesrat keine negativen Folgen prophezeite: Es würden nur 8.000 bis 10.000 Menschen pro Jahr kommen. Am Ende waren es dann aber 800.000 in zehn Jahren! Da sagte das Volk: So geht es nicht, und stimmte der Masseneinwanderungsinitiative zu, und die Staatsgewalten weigern sich, dies umzusetzen.

ZEIT: Herr Blocher, was ist eigentlich Ihre Vision der Schweiz?

Blocher: Die Schweiz ist ein kleines Land und soll das auch bleiben. Wir müssen festhalten an dieser bewährten Verfassung, in der die Gesetzgebungshoheit beim Volk liegt. Festhalten an den demokratischen Grundsätzen. Und als freies Land darauf schauen, dass wir höchste Qualität behalten. Das ist der Sonderfall Schweiz: innovative Produkte, höchste Qualität. Nicht nur in der Wirtschaft, auch in der Bildung.

ZEIT: Überall top sein, reicht das?

Blocher: Den Bürger in den Mittelpunkt stellen. Ich habe Vertrauen in den Bürger, aber wenig Vertrauen in die Akademiker der Hochschulen, was Politik anbelangt.

ZEIT: Wie wollen Sie eine Top-Nation sein ohne Akademiker?

Blocher: Wir brauchen gute Akademiker, aber vor allem auch gute Berufsleute. Wir sind heute noch spitze. Aber der EU-Beitritt harmonisiert alles, für uns sinkt das Niveau. Das gilt auch für die Bildung. Wie heißt dieses Gleichmachersystem an den Universitäten? Ach ja – Bologna. Das ist doch eine Nivellierung nach unten!

ZEIT: Lassen Sie uns ein paar Thesen Ihrer politischen Gegner diskutieren. Der Wirtschaftshistoriker Hansjörg Siegenthaler sagte: Christoph Blocher will die Schweiz zu einem Alpen-Emirat mit ein paar Hundert Global Playern machen.

Blocher: Weiß nicht, wie der auf diese Bieridee kommt. Wenn ich von Herrliberg nach Ems fahre, auf der Hauptstraße, nicht der Autobahn, dann fahre ich an über 50 kleinen und mittleren Unternehmen vorbei, die alle eine Topstellung auf der Welt haben – von denen spricht niemand! Aber das sind die tragenden Säulen der Wirtschaft.

ZEIT: Siegenthaler sagt: Für kleinere Firmen wäre es einfacher und günstiger, in die EU zu exportieren, wenn die Schweiz selbst Mitglied wäre.

Blocher: Es mag einzelne Vorteilchen haben, aber sehr viele Nachteile, die wir hätten, wenn wir EU-Mitglied wären. Der wichtigste Vertrag mit der EU ist der Freihandelsvertrag von 1972. Nun ist der im Dienstleistungsbereich nicht ganz vollständig, darüber beklagen sich vor allem die Banken. Müssen sie sich halt den Zugang erzwingen. Aber was machen wir Trottel? Die Schweiz akzeptierte den automatischen Informationsaustausch, ohne dass sie dafür den freien Marktzugang für die Banken bekommt.

ZEIT: Zweite These: Der SP-Doyen Helmut Hubacher vermutet, Ihr Ziel sei es, einen bürgerlichen Bundesrat zu installieren. Mit drei SVP-Mitgliedern und vier FDP- oder CVP-Bundesräten, von denen jeweils einer mit der SVP stimmt.

Blocher: Es ist interessant, zu sehen, wie viele Leute wissen, was ich will.

ZEIT: Stimmt es?

Blocher: Dumme Seich! Natürlich will jede Partei möglichst viel Einfluss im Staat. Aber wissen Sie, Herr Hubacher sagte 1976, als die SVP nicht einmal mehr 10 Prozent hatte, diese Partei sollte aus dem Bundesrat raus, sie sei zu klein. Wir haben 2015 so viele Stimmen erhalten, wie noch nie eine Partei sie in der Schweiz erhalten hat. Und ausgerechnet die Sozialdemokraten wollten der größten Partei keinen zweiten Sitz geben. Kämen die Sozialdemokraten auf diesen Stimmenanteil, sie würden einen dritten Bundesratssitz fordern. Wir nicht.

ZEIT: Wäre eine rein bürgerliche Regierung besser für die Schweiz?

Blocher: Ja, wenn sie wirklich bürgerlich wäre. Aber wenn es sieben Bürgerliche wären, dann wären die nicht bürgerlich.

ZEIT: Bitte?

Blocher: Bürgerlich ist man nicht automatisch, nur weil man einer bürgerlichen Partei angehört.

ZEIT: Das behaupten Sie immer: Alles, was links von Ihnen ist, ist nicht bürgerlich.

Blocher: Was auch stimmt.

ZEIT: Dann stimmt also die These von Schriftsteller Peter Bichsel: Blocher will die ganze Macht?

Blocher: Nein, das stimmt nicht. Ich glaube nicht, dass es gut rauskäme.

ZEIT: Wieso?

Blocher: Entscheide werden besser, wenn sie erstritten werden. Nicht nur in der Politik. Ich habe in meinen Unternehmen immer dafür gesorgt, dass ein Antrag, den jemand stellte, von einem anderen verrissen wird. Mit einer Einheitsregierung wäre das schwierig.