Ab morgen läuft die erste Netflix-Serie, die in Deutschland entwickelt und produziert wurde, und das Gute daran ist natürlich sofort, dass man sich nicht vor Tatort-haftem Deutschsein fürchten muss, sondern von Dark, so heißt die zehnteilige Serie, möglicherweise tatsächlich intelligent unterhalten wird. Umso interessanter ist die Frage, woran (wenn nicht an der braven, didaktischen Ausführung) man als Zuschauer dann eigentlich noch merken soll, dass man gerade etwas Deutsches guckt. Oder ob das vielleicht überhaupt keine Rolle spielt. Denn Netflix produziert ja tatsächlich von morgens bis abends Serien, auch in Europa (Spanien, Frankreich, Italien), auf deren Herkunft eigentlich nur Schauplätze und Schauspieler verweisen, doch dazu gleich.

Was also machen wir zunächst mit diesem Dark, was will es mit uns machen? Auf verrückt komplexe Weise (unterschiedliche Zeitebenen, enorme Menge an Schauspielern, man muss wirklich gut aufpassen) wird darin die Geschichte von vier Familien "in einer typisch deutschen Kleinstadt" erzählt, denen über einen Zeitraum von 33 Jahren (sehr deutsche Zahl, unklar, ob das beabsichtigt ist) immer wieder auf mysteriöse Weise Kinder abhandenkommen. Man fühlt sich also sofort an den Serienklassiker Twin Peaks und die erfolgreiche Netflix-Serie Stranger Things erinnert, weil Provinz plus vermisste Kinder. Und viel, sehr viel Wald, dazu drohender Sound. Düstere Farben, viele Wolken, Starkregen. Beschwert aus sich herausschauende Menschen, 33 (again!) Schafe plötzlich einfach tot. Ein Atomkraftwerk spielt ebenfalls eine Rolle, ob das etwas mit den toten Tieren zu tun hat, können wir zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht wissen. Außerdem gibt es im Wald eine böse Höhle, aus der schreckliche Geräusche dringen und die vielleicht die Kinder verschluckt hat.

Man bekommt beim Zusehen wirklich Angst, und das ist fantastisch, es ist wieder einer dieser Momente, in denen man feststellt, dass Serien viel besser sind als das eigene Leben, in dem ja die meiste Zeit über eigentlich gar nichts passiert. Wie schön also, dass ein paar Amerikaner gekommen sind und den Deutschen erlaubt haben, sich eine komplizierte Mystery-Gruselgeschichte auszudenken, in der tote Vögel vom Himmel fallen und Menschen plötzlich in ganz falschen Jahrzehnten herauskommen. Die Serie beginnt mit einem Zitat von Albert Einstein ("Der Unterschied zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ist nur eine Illusion, wenn auch eine hartnäckige") und moderiert somit eine zentrale Idee des Plots an, nämlich dass Zeit nicht linear verläuft, sondern ein komplexeres Thema ist, als es der Menschenkopf gerne hätte. Folglich raunen die Protagonisten der Serie dann auch konstant etwas ordinärphilosophisch vor sich hin, was aber nicht weiter stört, weil sie immer rechtzeitig aufhören und stattdessen Dinge passieren. Dinge, die im echten Life oder beim ZDF so nicht passieren würden, denn die Aufhebung der Kategorien Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft eröffnet natürlich ganz neue erzählerische Möglichkeiten, nicht zuletzt die Aussicht darauf, dass die Serie nicht nur von einem deutschen Publikum interessant gefunden wird.

Und das will Netflix natürlich. Wäre man eher schlecht gelaunt und pessimistisch, könnte man sagen: Diese von Netflix als deutsche Serie apostrophierte Produktion zu gucken ist, wie in eine Starbucks-Filiale in Deutschland zu gehen. Man kennt den Kaffee, und die Mitarbeiter sprechen einen in deutscher Sprache an, wenn man das möchte. In Dark also sieht man erwartungsgemäß relativ hohe Netflix-Serienstandards, man sieht deutsche Schauspieler (Louis Hofmann, Jördis Triebel, Karoline Eichhorn) und ein bisschen Deutschland, wie es in den achtziger Jahren war (Nena, Pfennigstücke, Atomkraft-Nein-danke-Pullover, und einmal wird in einem Schülerdialog gefragt, ob man gleich "Geschi" habe). Diese kleinen Verweise aber bleiben im Hintergrund, die Erzählung käme auch ohne sie aus. Eher geht es um das soziale System Provinz, um dysfunktionale Familien und Sinnfragen, um Themen also, die Menschen weltweit beschäftigen.

Und ja, das klingt ein bisschen nach Netflix-Standardware, stabiler, toller Standardware allerdings. Den Hinweis darauf, dass es sich bei Dark um eine deutsche Serie handelt, könnte man da beinahe überflüssig nennen. Das ist er allerdings nicht, denn diese Serie erzählt selbstverständlich eine ganze Menge über Deutschland, nämlich wie in Deutschland für gewöhnlich nicht erzählt wird.

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