Ehe Richard Lutz Bahn-Chef wurde, lebte er in einer Zahlenwelt. Als Finanzvorstand des Konzerns wachte er über den gewaltigen Umsatz von über 40 Milliarden Euro, die Personalausgaben für 300.000 Mitarbeiter und die Kosten von 40.000 Zügen. Wer nur auf die Zahlen guckt, braucht sich um die Bahn derzeit kaum zu sorgen: Auch 2017 wird das Unternehmen Geld verdienen und den Vorjahresgewinn von zwei Milliarden Euro womöglich noch übertreffen. Aber auf dem Weg dahin wird seine für die Kunden wichtigste Kennzahl auf der Strecke geblieben sein. Die Pünktlichkeit.

Lutz gab in der Süddeutschen Zeitung gerade zu, dass der Zielwert verfehlt wird. "Im Fernverkehr werden wir 80 Prozent 2017 nicht mehr erreichen können", sagte der Bahn-Chef. Das ist nicht bloß ein Abrücken von einem Unternehmensziel, es ist eine Kapitulationserklärung.

Unterzeichnen sollte sie jedoch nicht Herr Lutz, sondern Interims-Verkehrsminister Christian Schmidt (CSU) und die Noch-Wirtschaftsministerin Brigitte Zypries (SPD). Sie sind es, die für den Bund aktuell die Verantwortung für die Bahn tragen.

Allein die Tatsache, dass das Verkehrsministerium federführend vom Landwirtschaftsminister geleitet wird, zeigt, wie wichtig die Bundesregierung dieses Ministerium nimmt.

Die Debatte um Glyphosat wird Schmidt womöglich sein Amt kosten (das stand bei Redaktionsschluss noch nicht fest). Ganz sicher aber wird es ihn davon abhalten, zu erkennen, wie wichtig die Bahn werden wird, wenn die Deutschen weniger Auto fahren sollen und bald wohl auch per Gerichtsbeschluss müssen. Dann nämlich, wenn viele Diesel aus den Städten verbannt werden, die Leute aber trotzdem an ihr Ziel kommen wollen.

Und mit jedem Ticket kaufen sie ein Versprechen. Anders als bei einer Autofahrt buchen die Kunden mit der Bahnreise auch Verlässlichkeit. Wer zu einem Termin fährt und 100 Euro zahlt, erwartet, dass der Zug pünktlich ankommt.

Die Fakten sind längst andere. Schon das Ziel von 80 Prozent ist für Millionen Pendler Hohn. Denn diese Statistik bedeutet nichts anderes, als dass der Zug im Schnitt zweimal pro Woche auf dem Weg zwischen Büro, Werkbank und zu Hause unpünktlich ist. Und zwar nicht ein bisschen, denn als verspätet gilt ein Zug – nach Bahn-Statistik – erst ab sechs Minuten Verspätung. Im Oktober fuhren nur drei von vier Zügen innerhalb dieser Zielvorgabe.

Gründe für die Verspätungen gab es 2017 viele. Die Stürme Xavier und Herwart, die Sperrung der viel befahrenen Rheintalbahn bei Rastatt nach einer Gleisabsenkung der Neubaustrecke. Dazu tägliche Ärgernisse: Bahnhofssperrungen, weil Bahnfahrer ihr Gepäck vergessen und damit Bombenalarm auslösen, Vandalismus oder – auch das ist 2017 wieder passiert – ein ICE, dessen Fahrer an Wolfsburg vorbeifährt. Nicht zu vergessen die Suizide, die im Durchschnitt täglich dreimal auf deutschen Gleisen begangen werden.