Das deutsche Verfassungsgericht hat vor Kurzem entschieden, dass man jetzt bis drei zählen können muss. Wenn ein Baby geboren wird, das nicht eindeutig als männlich oder weiblich zu erkennen ist, soll es künftig unter einem dritten Begriff im Geburtenregister stehen, wie "inter" oder "divers". Sicher, das Gericht bietet hier keine völlige Wahlfreiheit an, es geht um die Anerkennung einer biologischen Variante, der Intersexualität. Aber die amtliche Autorität einer dritten Kategorie wirkt unweigerlich auch symbolisch: Der Bereich des offiziell Möglichen wird breiter, Gegensätze lösen sich auf, mit denen Menschen bisher festgelegt haben, wer sie selbst im Vergleich zu anderen sind. Die Unterscheidungskraft der Kategorie Geschlecht an sich wird subtiler, weicher, beweglicher.

Auf lange Sicht wird diese Kategorie dadurch vielleicht sogar nutzlos, weil sie keine eindeutige Ordnung mehr schafft. Für die Literatur ist die Auflösung der Geschlechter aber ein Segen, weil Geschichten nicht mehr so leicht einrasten wie die Formeln "Vater, Mutter, Kind" oder "Verliebt, verlobt, verheiratet". Queere Literatur tritt deshalb momentan selbstbewusster denn je auf, mit der unbedingten Relevanz einer Avantgarde. Sie weiß von einem ironiefrei intensiv gelebten Leben, über das unheimlich dringend geschrieben werden muss, weil, sobald die Geschlechtsbegriffe ins Schwimmen kommen, nur durchs Erzählen verständlich wird, was beispielsweise in der Liebe der Fall ist.

In Deutschland war auf diesem Gebiet Sasha Marianna Salzmanns Außer sich der Roman der Saison. Und schon jetzt ist Maggie Nelsons Buch The Argonauts von 2015 eine Art Klassiker, das gerade in der deutschen Übersetzung von Jan Wilm erschienen ist. Es handelt sich dabei um einen autobiografischen Essay, an dessen Anfang die Autorin ihre neue Flamme googelt, um herauszufinden, welches Pronomen wohl für sie zutreffend wäre. Schreibend richtet sie sich an die geliebte Person in der neutralen zweiten Person Singular: "denn obwohl – oder weil – wir jede freie Minute miteinander im Bett verbringen und schon darüber reden zusammenzuziehen, kann ich mich nicht überwinden, dich selbst danach zu fragen". Nelson behält dieses "Du" bei, sodass Die Argonauten, diese wilde Genremischung aus Selbstergründung, Geschichte einer glücklichen Familie und Theorie, irgendwie auch zu einem Liebesbrief wird. Im Leben, schreibt Nelson, "habe ich die Vermeidung von Pronomen perfektioniert. Der Schlüssel liegt darin, sein Ohr daran zu gewöhnen, dass es den Namen eines Menschen wieder und wieder hört."

Der Mensch, von dem hier die Rede ist, heißt Harry Dodge, und man kann ihn wirklich googeln: Bildhauer, Performancekünstler und genderfluid, "zwei für einen", wie es heißt. Im Laufe der Handlung der Argonauten lässt er sich allerdings die Brüste entfernen und bewegt sich mithilfe von Testosteron eher in die männliche Richtung. Wobei er das "Mainstream-Narrativ" der Transsexualität ablehnt, mit all seinen medizinischen und psychiatrischen Maßstäben: "'im falschen Körper geboren', eine orthopädische Pilgerfahrt zwischen zwei feststehenden Orten nach sich ziehend". Gegen diese Logik der Eigentlichkeit verkündet Harry: "Ich bin nicht auf dem Weg irgendwohin", das Dazwischen ist bereits seine Lebensform.

Während sich also Harrys Körper wandelt, wird Maggie Nelson schwanger mit dem Kind, das gemeinsam aufzuziehen sich das Paar entschlossen hat. Und das stellt sich schnell als eine Parallelerfahrung heraus: "Ist Schwangerschaft an sich schon queer", fragt sich Nelson, "insofern sie den 'normalen' Zustand eines Menschen grundlegend verändert und eine radikale Intimität mit dem eigenen Körper (wie auch eine ebenso radikale Entfremdung von ihm) zur Folge hat?" Ihr Kind wird Iggy heißen und ein Junge sein, wobei Nelson verblüfft ist darüber, "dass mein Körper einen männlichen Körper hervorbringen konnte".

Die Geschichte einer Kleinfamilie, könnte man meinen, einer etwas ungewöhnlichen vielleicht – aber ist nicht jede Familie auf ihre eigene Weise ungewöhnlich? Maggie Nelson erzählt davon allerdings nicht in der distanzlosen Art eines Memoirs, sondern eher in der ethnografischen Form einer dichten Beschreibung. Wie eine Forscherin legt sie sich etwas scheinbar Selbstverständliches als Befremdliches vor: Was bedeutet es noch mal, in einem Körper zu leben, der ein Geschlecht hat? Sex, sich kleiden, krank werden, die Liebe zwischen Eltern und Kindern, kann man all das verstehen, ohne sich seines Geschlechts sicher zu sein? Nelson nutzt, um das zu ergründen, alle ihr zur Verfügung stehenden literarischen Mittel: die Nähe und Metapherndichte der Lyrikerin, den Sinn für Anekdoten einer Reporterin, die Gedankenschärfe und den Theoriekanon einer Kulturkritikerin.