In Deutschland lernt man die Schriftstellerin Maggie Nelson durch dieses Buch gerade erst kennen, in den USA weiß die literarische Welt aber schon eine Weile von ihrer Fähigkeit, sich intellektuell-sensibel zwischen den Genres zu bewegen. In dem Lyrikband Jane. A Murder (2005) schrieb sie über eine Tante, die vier Jahre vor ihrer Geburt ermordet worden war. Ältere Verwandte erzählten Maggie Nelson aber, wie sehr sie dieser Jane ähnle. Deshalb identifizierte sie sich derart stark mit ihr, dass sie ein Tagebuch der Tante, das sie eines Tages fand, im ersten Moment für ihr eigenes hielt. Eine erste Erfahrung gespaltener Identität, die sie zu Literatur machte. Kurz bevor Jane. A Murder erschien, wurden die Ermittlungen in diesem ungelösten Fall wieder aufgenommen. Ein Kriminalkommissar erzählte Nelson später, er sei ihr Buch mit einem Textmarker durchgegangen und habe auf diese Weise zum ersten Mal im Leben Gedichte gelesen. Schließlich kam der Mord doch noch vor Gericht, und in The Red Parts: A Memoir (2007) beschreibt Nelson, wie ihre Familie ein 35 Jahre zurückliegendes Grauen noch einmal durchleben musste. Aber nicht nur als Belletristin hat sie Aufsehen erregt: In der Zeit, von der Die Argonauten erzählt, entstand ihre Studie über den Sinn von Gewalt in der Kunst, The Art of Cruelty. A Reckoning (2011).

Ihr neuester Essay hält sich denn auch an keine Genregrenzen, arbeitet im Stil eines "Versuchs" mit allen früher erprobten Techniken. Formal ähnelt der Text dabei sehr den Fragmenten einer Sprache der Liebe von Roland Barthes, bis hin zu der Marginalspalte, in der die Namen all der Autorinnen genannt werden, deren Denkmuster Maggie Nelson sich aneignet: Anne Carson, Luce Irigaray, Beatriz Preciado, Eileen Myles, Jacques Lacan, Gilles Deleuze, Judith Butler und Roland Barthes selbst, von dem die titelgebende Allegorie des Essays stammt.

Das Schiff Argo wird, dem Mythos zufolge, auf seiner Reise beständig Einzelteil um Einzelteil renoviert, weshalb es irgendwann nicht mehr dasselbe Schiff ist, obwohl es von seinen Passagieren, den Argonauten, immer noch beim selben Namen genannt wird: Argo. Und dadurch ist es eben doch dasselbe Schiff. Ein Subjekt, das "Ich liebe dich" sagt, schreibt Barthes, gleiche diesen Argonauten, weil es den gleichen Satz immer wieder auf sich wandelnde Personen beziehen könne. Und im Lichte der queeren Familiengeschichte, die Nelson in ihren Argonauten beschreibt, müsste man selbstverständlich sagen: Jeder Mensch, der "ich" sagt, gleicht den Argonauten, so radikal können sich die körperlichen und emotionalen Erfahrungen ändern, die mit diesem Pronomen gemeint sind.

Nelson schreibt deshalb nicht nur über die Plastizität von Körpern und fluide Identitäten, sondern auch über die Härte von Wörtern, Namen und Beschreibungsmustern. Darüber, wie plötzlich die alltägliche Routine ins Stocken kommt, wenn Harry, inzwischen von allen als Mann und Familienvater identifiziert, jemandem seine Kreditkarte geben muss: "Der Typ machte eine lange Pause, dann sagte er: 'Das ist Ihre Karte, richtig?', und zeigte dabei auf mich. Mir tat er fast leid, weil er so verzweifelt versuchte, den Moment zu normalisieren." Ein anderes Mal sieht eine Freundin ein Foto von Harry, dessen Sohn aus einer früheren Beziehung und der im siebten Monat schwangeren Maggie Nelson und ruft überrascht aus: "In meinem ganzen Leben habe ich noch nie so etwas Heteronormatives gesehen." Es sind eben plötzlich doch wieder: Vater, Mutter, Kinder. Nelson legt aber, was für dieses Buch ein Glück ist, dieser Normalität gegenüber kein Bedürfnis nach Abgrenzung an den Tag, keine Häme, keine Zerstörungslust. Eher schaut sie verwundert, melancholisch darauf zurück.

In ihrem Buch über Gewalt in der Kunst distanziert sie sich auf eine auch für ihr eigenes Schreiben interessante Art von einer aus der Avantgarde des 20. Jahrhunderts stammenden Vorstellung. Die Kunst müsse, glaubte zum Beispiel Antonin Artaud, die Grenzen der Sprache einreißen, um das echte, das wahre Leben zu befreien. Nelson hat, was unsere Welt betrifft, in der die Wörter "er" und "sie" Grenzen zwischen den Geschlechtern aufrechterhalten, solche Ambitionen nicht. Sie beschreibt keine Welt jenseits der Geschlechter, eher ein durch ihre feinere Wahrnehmung sinnlicheres Leben. "Viel interessanter", schreibt sie in The Art of Cruelty, "ist doch die Fähigkeit bestimmter Werke, das zu erweitern, zu erfinden, zu sprengen oder zu umreißen, was wir mit 'Realität' meinen." Ihr eigenes Schreiben postuliert denn auch keine neuen Wahrheiten, sondern spürt den ganz alten existenziellen Erfahrungen nach wie Sex, Geburt und Sterben, die, so allgemein sie sind, jeder doch nur für sich allein erlebt. Und im Lichte dieser Erfahrung erscheint es sinnvoll, dass Geschlecht am Ende vielleicht eine radikal individuelle Angelegenheit sein muss.

Gegen Ende der Argonauten beschreibt Nelson abwechselnd den Tod von Harrys Mutter und die Geburt ihres Sohnes Iggy. Beides übrigens in einer Drastik, die die Bezeichnung Gewalt sicher verdient hätte. Parallel erzählt, erkennt man daran, was es heißt, jemandes Mutter und jemandes Kind zu sein. Zwischen Fäkalien und geschäftigen Ärzten, Stöhnen und Seufzen, Glück und Traurigkeit entsteht eine Art weibliche Genealogie, eine Familie. Und zugleich der in der Literaturgeschichte bisher seltene Fall des Textes einer Frau, die über das Gebären schreibt, und zwar genauso klar und genau, wie sie Seiten zuvor noch über Theorie nachgedacht hat. Und das ist keine kleine Sensation. 

Maggie Nelson: Die Argonauten. A. d. Engl. v. Jan Wilm; Hanser Berlin, Berlin 2017; 192 S., 20,– €, als E-Book 15,99 €