"Ein guter Tag, der beste denn je,

An dem sich um das Rotlicht kein Blaulicht mehr dreht"

Aus Schwesta Ewas Song "Ein guter Tag"

Zwei Freundinnen fahren an einem Freitag im Februar 2016 nach Frankfurt. Am Steuer des weißen Mercedes-Cabrios sitzt Deutschlands berühmteste Gangsta-Rapperin: Schwesta Ewa, 31, lange blonde Haare, ein schwarzes Tattoo auf dem Handrücken, eine Rolex am Handgelenk. Sie hat zwei Pythons gekauft. Ewa mag gefährliche Tiere. Die Schlangen liegen in einem Karton auf dem Schoß der Beifahrerin. Jana S., 20, eine blasse Frau mit dünnem Haar, fürchtet sich vor den Tieren. Als sie kurz nicht aufpasst, kriecht eine Python ins Handschuhfach. Ewa wird wütend, wie so oft. Sie bremst und springt aus dem Auto, reißt die Beifahrertür auf und tritt Jana ins Gesicht. Jana winselt: "Es tut mir leid!" Am nächsten Tag erstattet sie Anzeige. Und verrät damit ihre beste Freundin. Ihre Schwesta.

So beginnen die Ermittlungen, die Ewa Malanda, wie Schwesta Ewa mit bürgerlichem Namen heißt, zeitweilig ins Gefängnis bringen werden. Mehrere Monate lang hört die Polizei ihre Telefonate ab, installiert sogar eine Wanze in ihrem Auto. Als die Polizei Ewa am 16. November vergangenen Jahres in einem Tonstudio in Arnsberg-Oeventrop verhaftet, lauten die Vorwürfe: Steuerhinterziehung, Körperverletzung, Menschenhandel und Zuhälterei. Die Rapperin, die selbst mehr als zehn Jahre lang anschaffen ging, soll vier junge Frauen, ihre eigenen Fans, emotional und finanziell abhängig gemacht und sie, eine noch minderjährig, auf den Strich geschickt haben.

Schwesta Ewa ist nicht irgendeine Musikerin. Ihre Karriere ist so einzigartig in der deutschen Rap-Szene wie die Vorwürfe, die gegen sie erhoben wurden. Sie wollte mit Musik Geld verdienen, nicht mehr mit Sex. Und Ewa hatte es geschafft, vom Laufhaus in die Charts. Ihre Texte sind rau, in ihrer Mischung aus Straßendeutsch, Polnisch, Kurdisch und Arabisch erinnern sie an die Sprachkunst, mit der Rapper wie Haftbefehl berühmt wurden. Vor allem hat sie das, was vielen Künstlern heute fehlt, die ihre Tracks in Kinderzimmern am Laptop mischen. Ewa hat eine Geschichte zu erzählen. Die Geschichte einer Frau, die hart ist, den Männern gegenüber, den Freiern oder Geschäftspartnern. Es geht um Geld. Um Sex. Um Macht. Die Hure, eine Figur, eigentlich ganz unten in der Halbwelt-Hierarchie, erscheint in ihren Liedern als einflussreiche, gefährliche Frau zwischen Geschäft und Verbrechen. In ihrem Song Escortflow heißt es: "Jedermann sieht jetzt die Taschen von Gucci. Von meinem Fame träumt jede Slut, die im Puff liegt."

Für Frauen im Rotlichtmilieu, für Frauen wie Jana, war sie wegen solcher Zeilen eine Heldin. "Ihre Geschichte hat mich berührt", sagt Jana, als sie drei Tage nach Prozessende im Juni im Büro ihrer Frankfurter Anwältin sitzt. Die heute 21-Jährige spricht mit leiser, dünner Stimme. Auf den ersten Blick wirkt sie wie das Gegenteil ihrer großen Heldin, der lauten, selbstbewussten Ewa. Und doch haben die Frauen viel gemeinsam: Sie sei, sagt Ewa, von ihrer Mutter brutal verprügelt worden, auch Jana konnte es zu Hause nicht mehr ertragen, beide zogen mit 18 aus. Beiden ging es um das schnelle Geld, beide verkauften ihren Körper. Jana arbeitete in einem erotischen Massagesalon, Ewa auf dem Straßenstrich. Sie wurden beide von Freiern vergewaltigt.

"Ich habe alles dafür getan, Ewas Freundin zu werden", sagt Jana. Sie bewirbt sich als Kellnerin in der Stoltze-Bar, einer Kneipe im Frankfurter Allerheiligenviertel, dem kleineren, schmutzigen Rotlichtbezirk der Stadt, die Ewa zusammen mit ihrem damaligen Freund betreibt. Jana lernt sogar Polnisch, die Sprache, mit der Ewa aufgewachsen ist. Doch die Annäherungsversuche scheitern. Ewas Aufmerksamkeit bekommt Jana erst, als sie eine Lügengeschichte erfindet: Ein Freier habe sie gewürgt. Ewa postet ein Foto von den blauen Flecken am Hals bei Facebook. "Viele normale Menschen verlassen einen, wenn man erzählt, dass man im Rotlichtmilieu arbeitet", sagt Jana. Nur die Ewa, die habe sie verstanden. "Wir haben gelacht und geweint. Ewa hat mir leidgetan, für alles, was in ihrer Vergangenheit gewesen ist."

In einer harten Welt, in der Männer meist nur Kunden, Vergewaltiger oder anderweitig Kriminelle sind, ist die Rolle verführerisch, die Schwesta Ewa in ihren Liedern spielt: eine große Schwester, die stark ist und andere Frauen beschützen kann. Ewa umgibt sich mit einer Entourage wie ein Rockstar. "Ich habe mich bei ihr gefühlt wie in einer Familie. Ich war nie allein", sagt Jana. Sie verbringt ihre Nächte oft bis vier Uhr morgens in der Stoltze-Bar. Die Freundschaft wird immer enger.

Anfang Januar vergangenen Jahres zieht Jana in eine neue Wohnung. Ewa streckt die Kaution von 1.300 Euro und eine Monatsmiete von 420 Euro vor. Da Ewa es mag, wenn alle Freundinnen so aussehen wie sie, kauft Jana sich High Heels, eine Handtasche von Gucci. Sie gibt viel Geld aus, "weil Ewa mich ins Solarium geschickt hat, weil sie meine Haare blondieren wollte". Das Geld dafür leiht sie sich bei der Schwesta. Ihre Schulden werden mehr.

Eines Tages sind, weit nach Mitternacht, fünf Freunde von Ewa in der Stoltze-Bar, sie wollen noch in ein Hotel, "Party machen" mit Frauen. Keine andere sei greifbar gewesen, sagt Jana, da habe Ewa sie gefragt. Ihr "Schuldenberg" sei hoch gewesen, deswegen sei sie mitgegangen.

Die Staatsanwaltschaft sieht das zwar anders, aber Jana sagt heute: "Das war keine Zuhälterei." Ewa habe die anderen Frauen und sie nicht eingesperrt, ihr nicht den Pass weggenommen. "Aber wir waren alle unter 21. Sie musste von Anfang an gemerkt haben, dass ich psychisch labil bin, dass ich manipulierbar bin. Bei den anderen Frauen war das ähnlich." Was Jana für Freundschaft hielt, war zugleich mehr und weniger als das. Geschäftsbeziehung. Schutz. Familienersatz. Und eine schwierige Beziehung zwischen Star und Fan.