DIE ZEIT: Herr Hollstein, Sie wurden mitten in der Stadt, in der Sie seit bald zwanzig Jahren Bürgermeister sind, mit einem Messer angegriffen. Das erklärte Motiv des Täters: Rache für Ihre liberale Flüchtlingspolitik. Haben Sie da nicht den Impuls: Jetzt ist Schluss, ich mache nicht mehr weiter?

Andreas Hollstein: Unmittelbar nach dem Angriff klopfte in meinem Kopf schon die Frage an, ob ich mir das alles wirklich weiter antun muss. Der Messerstich war ja nur der drastischste von einer ganzen Reihe von Angriffen, die ich in den letzten Jahren erlebt habe. Die reichen von öffentlichen Beschimpfungen über hasserfüllte Mails bis hin zu Morddrohungen. Aber für mich steht fest, dass ich weitermachen möchte. Jetzt aufzugeben wäre keine Lösung – weder für mich noch für die Probleme, die hinter dieser Tat stehen.

ZEIT: Was für Probleme sind das?

Hollstein: Ich bin bei Weitem nicht der Einzige, der solchen Feindseligkeiten ausgesetzt ist. Viele Menschen in diesem Land, die Dienst für andere tun, müssen so etwas inzwischen regelmäßig erleben, seien es ehrenamtliche Bürgermeister und Berufspolitiker oder Rettungssanitäter und Feuerwehrleute. Sie werden beschimpft und manchmal sogar handgreiflich angegangen. Wir erleben eine Verrohung unserer Gesellschaft. Das ist ein Phänomen, das schwer zu fassen ist, denn die einzelnen Vorfälle sind zwar schlimm, aber noch kein Stoff für Schlagzeilen. Doch sie ergeben ein großes Problem, das uns alle angeht – und das eine ernsthafte Debatte braucht.

ZEIT: Woran liegt das?

Hollstein: Ich denke, das ist Ausdruck von gewachsener Haltlosigkeit in der Gesellschaft. Sie ist zum Teil entgrenzt. Das zeigt sich besonders stark in den sozialen Medien, aber die Bodenvergiftung ist allgemein spürbar. Und sie richtet sich in besonderer Weise gegen Politiker, Bundespolitiker genauso wie Kommunalpolitiker im Ehrenamt.

ZEIT: Sie sind seit den neunziger Jahren in der Kommunalpolitik. Was haben Sie beobachtet?

Hollstein: Ich habe zusehen können, wie sich das Verhältnis zwischen Wählern und Gewählten gewandelt hat. Es hat sich eine Haltung breitgemacht nach dem Motto: Wir sind dagegen – und deshalb ist alles legitim. Da arbeiten sich Einzelne immer stärker an Personen ab statt an Themen. Das merkt man daran, dass es quasi unmöglich ist, sich mit diesen Leuten über Sachfragen ernsthaft auseinanderzusetzen. Das ist übrigens nicht nur bei der Frage nach dem Umgang mit den Flüchtlingen so. Im Sommer habe ich mit dem Gemeinderat an einem Brandschutzplan gearbeitet, da tauchten im Netz mit einem Mal gefälschte Bilder auf, auf denen mein Haus in Flammen stand. Für meine Familie war das alles andere als schön. Man muss dazu sagen: Es handelt sich um Einzelpersonen. Die schweigende Mehrheit denkt ganz anders!

ZEIT: Wie ließe sich der Verrohung der Gesellschaft, die Sie konstatieren, entgegentreten?

Hollstein: Vor allem müssen wir den Diskurs über diese Verrohung überhaupt führen! Das fängt schon bei der Lokalzeitung an: Hässliche Leserbriefe sollten auch mit Klarnamen veröffentlicht werden. Leute, die andere beleidigen, dürfen sich nicht mehr in der Anonymität verstecken können. Darüber hinaus braucht es eine breite Öffentlichkeit für das Thema. In meinem Bundesland Nordrhein-Westfalen zum Beispiel läuft seit Kurzem eine Kampagne gegen die Verunglimpfung von Rettungskräften und Feuerwehr. Eine ähnliche Sensibilisierung brauchen wir für das politische Ehren- und Hauptamt. Letztlich darf die Mehrheit nicht alles schweigend hinnehmen. Wir haben lange das Ideal der liberalen Gesellschaft vor uns hergetragen und waren deshalb zögerlich, wenn es darum ging, üble Nachrede und andere verbale Attacken strafrechtlich zu ahnden. Solange niemand geschlagen wurde, lief das unter dem Radar. Aber es reicht nicht, dass wir uns sagen, wie offen wir doch sind, und Einzelne ihre Mitmenschen beschimpfen lassen, wie sie wollen. Wir müssen konsequenter handeln, um uns die Liberalität zu bewahren.

ZEIT: Während der Flüchtlingskrise 2015 sorgten Sie dafür, dass Altena, eine Kleinstadt mit gut 17.000 Einwohnern, mehr Flüchtlinge aufnahm, als die Kommune hätte aufnehmen müssen. Für Ihr Engagement hat Ihnen auch die Kanzlerin einen Preis überreicht. Würden Sie heute, zwei Jahre später, sagen, die Integration in Altena ist geglückt?

Hollstein: Die Integration ist ja nichts, was innerhalb von zwei Jahren abgeschlossen ist, auch nicht nach fünf. Aber alles in allem hat das mit den Flüchtlingen in Altena gut geklappt. Wir sehen, wie immer mehr Menschen gut Deutsch sprechen, mehr und mehr von ihnen Arbeit finden, manche sich in Vereinen engagieren. Klar gibt es auch Schwierigkeiten. Aber mir ist es wichtig, immer wieder deutlich zu sagen: Es macht keinen Unterschied, woher die Menschen kommen – es gibt überall Gute und Schlechte und ganz viele irgendwo dazwischen.

ZEIT: Werden Sie sich zukünftig in Ihrer eigenen Stadt schützen müssen?

Hollstein: Ich bin Bürgermeister, und es ist meine Aufgabe, auf Menschen zuzugehen. Da kann mich kein Sicherheitsdienst schützen. Noch dazu ist die Messerattacke in meiner Freizeit passiert. Wir müssen einander vertrauen können. Am Tag nach der Attacke haben sich Bürger zu einer Art Mahnwache auf dem Marktplatz getroffen. Das hat mich bewegt. Ich halte das auch für ein wichtiges Zeichen: Wir halten zusammen gegen Hass.