Fußballtrainer neigen bei der Beschreibung ihrer Arbeit zum Tiervergleich. Carlo Ancelotti hat, als er noch in Diensten von Real Madrid war, ein Bild aus der Savanne gewählt, um seine Taktik zu umreißen: "Wenn der Löwe aufwacht, muss er ans Rennen denken; denn wenn er nicht läuft, kann er nicht jagen und bekommt nichts zu fressen." Dann schob der Italiener, indem er den Druck auf seinen Kaugummi für einen Moment lockerte, folgenden Gedanken nach: "Die Gazelle muss beim Aufwachen ebenfalls bereit sein zu rennen, damit der Löwe sie nicht erwischt."

Kurzum: Es kommt aufs Rennen an. Nachdem Ancelotti diese Worte gesprochen hatte, rannte er selbst zum FC Bayern München, und sein dortiges Scheitern mag damit zusammengehangen haben, dass die Bayern-Spieler sich in Ancelottis Fabelwelt nicht zurechtfanden: Sind wir eigentlich Löwen oder Gazellen? Sollen wir angreifen oder fliehen, fressen oder gefressen werden? Ancelottis bayerische Episode ging jedenfalls schlecht aus, der Trainer wurde wie eine – königlich entlohnte – Gazelle von Ulis Hof gescheucht.

Kürzlich hat sich ein deutscher Trainer mit einem Tiervergleich gemeldet, der sehr viel mehr einleuchtet. Manuel Baum vom FC Augsburg hat in der Süddeutschen Zeitung zugegeben, dass er von seinen Spielern eine "Scheißhausfliegenmentalität" verlange. Was das bedeutet? "Dass man sofort hinterhergeht, wenn man den Ball verliert. Wie bei einer Fliege, die ich nie loswerde. ... Und irgendwann sagt man: 'Ach, jetzt bleibst halt da sitzen, jetzt habe ich keine Lust mehr.'"

Sich im Schwarm über den Ballführenden werfen, keinen gelungenen gegnerischen Pass verzeihen, auf alles "draufgehen", was nicht die eigene Trikotfarbe hat – das ist gemeint. Und wohl auch dies: technische Schwäche ausgleichen durch Kampf und grundsätzliche Rachlust.

Je reicher manche Vereine werden (etwa solche mit scheichischem Geldhintergrund) und je vornehmer sie sich aufführen, desto mehr werden die ärmeren Vereine, die mit den Künstlern nicht mithalten können, sich damit abfinden müssen, ihr Heil in der Scheißhausfliegenhaftigkeit zu finden. Sie werden zu Quälmannschaften werden, die den Königen auf ihren Thronen ihr großes Geschäft verderben, indem sie sie rigoros umschwirren. Um auch hier die nötige Anschaulichkeit zu liefern: Ein Nationalteam mit vorbildlicher Fliegenmentalität ist Chile, und das wichtigste Vereinsfliegenteam ist Atlético Madrid unter Diego Simeone.

Nun braucht eine Scheißhausfliege – wir wollen sie in der Folge, da wir eine gediegene hanseatische Wochenzeitung sind, nur noch mit dem Kürzel SCHHF benennen – auch das nötige Umfeld. Um es klar zu sagen: Sie braucht die Nähe großer Haufen. SCHHF-Mannschaften entwickeln sich gern am Rande von Königshöfen – etwa Atlético im Schatten von Real Madrid oder der FC Augsburg im Einzugsbereich Münchens. Zwei Königsvereine verträgt eine Region eher nicht.

Ein Beispiel aus England: Da Manchester City sich unter Pep Guardiola gerade anschickt, zum Königsverein zu werden, bliebe dem örtlichen Rivalen Manchester United die Rolle des SCHHF-Vereins, eine Rolle, die wiederum ganz gut zur Spielphilosophie seines Trainers José Mourinho passt. Dessen wichtigste Fußballregeln sind eigentlich Fliegenregeln: Verwirre den Gegner, lebe von seiner Nervosität, lass ihn den Ball führen, denn wer den Ball führt, hat Angst, und wer Angst hat, macht Fehler.

Eine Frage muss noch geklärt werden: Welche Lebensperspektive bleibt einem SCHHF-Verein? Erstens die Hoffnung, dem Schicksal der Eintagsfliege zu entgehen und am Saisonende nicht abzusteigen. Zweitens die Ambition jeder einzelnen Fliege, eines Tages das SCHHF-hafte hinter sich zu lassen und von einem der wenigen Königsvereine angeworben zu werden. Denn auch diese, etwa Bayern München und Real Madrid, leisten sich, um zu überleben, den einen oder anderen Spieler mit SCHHF-Mentalität. Wir nennen keine Namen.