Als Übernächtigte wochenlang durchs Bild flirrten, konnte man meinen, Politik werde von Casting-Agenturen produziert, die je nach Balkonfarbe, Bellevue-Mobiliar und Bartwuchs das passende Personal rekrutieren. Sichtbarkeit ist alles! Fast unsichtbar im Machtkampf aber bleibt einer, der nicht mal eine juristische Person ist, jedoch als rechtlich gebundene Herrschaft alles in einem bedeutet: der Staat. Zu den bizarren Begleiterscheinungen der aktuellen Erschütterungen des politischen Koordinatensystems gehört es, dass zwar die selbst ernannten Regierungsjäger laut "Staatsversagen!" brüllen, in der öffentlichen Debatte aber das Nachdenken über den Staat weitgehend fehlt. Viele glauben, er sei im Schwinden. Das ist er nicht, nur: Wo steckt er?

Ein neues Buch macht sich auf die Suche nach ihm. Und weil es alle Gedanken in Dialogen entwickelt, die vor dem Alltag nicht haltmachen, zieht es auch die Unkundigen ins Gespräch, also jeden. Leicht zu lesen ist hier unbedingt ein Qualitätsmerkmal, Staatstheorie ist kein geläufiges Bildungsgepäck. Der Kieler Rechtsprofessor und Landtagsdirektor Utz Schliesky hat fünf Hauptpersonen des staatlichen Handelns gefragt, wie sie über die aktuellen Prüfungen des Gemeinwesens denken, die Flüchtlingszuwanderung etwa, den nationalstaatlich nicht einzuhegenden Klimawandel, die Digitalisierung, das Abtreten von Hoheitsrechten an die EU. Da geht es um alles, was einen modernen Staat ausmacht: das Staatsvolk, das Staatsgebiet und die Staatsgewalt.

Schliesky spricht mit dem grünen Minister Robert Habeck und mit Andreas Voßkuhle, dem Präsidenten des Bundesverfassungsgerichts; mit den Juraprofessoren Peter Huber und Edzard Schmidt-Jortzig, die beide Minister waren; und mit Norbert Lammert, bis eben Präsident des Bundestags. Schliesky selbst hat dem Buch ein fundiertes Kapitel Staatslehre vorangestellt, doch im Gespräch fragt er bestechend einfach: "Schaffen Staaten Frieden? Was war zuerst da: Freiheit oder Staat? Welches sind die zentralen Aufgaben des Staates gegenüber der Wirtschaft? In welchem Verhältnis stehen Staat und Gesellschaft?" Politischer kann ein Buch gegenwärtig nicht sein.

Utz Schliesky (Hrsg.): Gespräche über den Staat. Verlag C. H. Beck, München 2017; 275 S., 19,95 €