Die ersten Opfer der neuen politischen Lage sind die Insekten. Ausgerechnet der ziemlich unbekannte Christian Schmidt, Landwirtschaftsminister auf Abruf, hat sich am Montag dieser Woche eine Fehlentscheidung geleistet, wie sie die deutsche Politik lange nicht erlebt hat: Der CSU-Politiker sorgte dafür, dass Brüssel die Zulassung von Glyphosat um weitere fünf Jahre verlängert. Gegen den erklärten Willen der SPD. Damit schmälert Schmidt nicht nur die Chancen, dass das Land rasch eine stabile Regierung bekommt. Völlig unberührt von allen Warnungen, sorgt Schmidt auch dafür, dass das Massensterben der Tiere weitergeht. Schmidts Glyphosat vergiftet beides: die politische Atmosphäre und die Felder.

Ein paar Wochen lang schien so etwas undenkbar. Die Nachricht vom stillen Drama im Grünen hatte Politik wie Öffentlichkeit wachgerüttelt. Plötzlich redeten alle über das Sterben der Bienen, vorbei war das Gespött über lächerliche Tierchen und grünen Irrsinn. Die Umwelt und der Umgang mit ihr wurden entscheidende Streitpunkte der potenziellen Jamaika-Koalitionäre. In ihren Nachtsitzungen diskutierten sie über Glyphosat und Gigawatt. Sie planten den Einstieg in die sanfte Landwirtschaft und feilschten über das Ende der Kohleenergie.

Mit dem jähen Ende von Jamaika wurde über Nacht das Projekt Weltrettung abgeblasen. Leider nicht nur vom verantwortungslosen Herrn Schmidt. Am Dienstag, nur einen Tag nach dem Glyphosat-Versagen, wurde in Berlin erneut darüber debattiert, dass die Luft in den Städten Menschen krank macht. Weil zu viele Autos zu viele Schadstoffe in die Luft blasen. Trotzdem versprach die Bundeskanzlerin auf dem Diesel-Gipfel nicht etwa, den Druck auf die Autoindustrie zu erhöhen – falls sie wiedergewählt würde. Stattdessen gab es Förderprogramme für Kommunen – Rumdoktern am System statt der überfälligen Wende.

Die neue Landwirtschaftspolitik beerdigt, die moderne Verkehrspolitik wieder mal vertagt – jetzt fehlt nur noch der Ausstieg aus dem Kohleausstieg, weil die Groko den für eine grüne Fantasie hält und die Klimapolitik für ein Verliererthema. Was für ein Irrtum! Gerade eine moderne Umweltpolitik wäre nicht nur die beste Wirtschafts- und Sozialpolitik. Sie böte auch jede Menge Chancen für die schwächelnden Volksparteien CDU, CSU und SPD.

Längst spüren doch die meisten Bürger, dass etwas nicht stimmt. In der Natur nicht und damit irgendwann auch für den Menschen nicht mehr. Die entscheidende Frage ist daher: Können Politiker diesen Wandel lenken und zu einem Projekt machen?

Besonders brisant ist der Konflikt in den Kohlerevieren in der Lausitz. Doch selbst dort ahnen die Kumpel das nahende Ende der klimaschädlichen Braunkohle. Und natürlich haben sie davor Angst. Eine kluge Regierung würde daher jetzt, wo es Deutschland gut geht, dort durch weitsichtige Regionalpolitik neue Jobs schaffen. Kleinteilig klingt so was und langwierig. Aber genau so haben die Volksparteien früher den Wandel für alle erträglich gestaltet.

In Bayern hat die CSU gezeigt, wie es funktioniert: Nach dem Krieg gab es dort viele Jobs in der Landwirtschaft und wenige in der Industrie. Heute ist es umgekehrt. Und in NRW hat die SPD solide Strukturpolitik betrieben. Heute sind dort die Zechen geschlossen. Und trotzdem wird in NRW mehr Geld erwirtschaftet als in jedem anderen Bundesland.

In der Vergangenheit ist Deutschland durch jeden Wandel stärker geworden, auch wenn die Lobbyisten der alten Industrie, wann immer die Politiker etwas von ihnen wollten, den Untergang des Abendlandes beschworen. Man sieht das gerade in der Landwirtschaftspolitik: Die Mehrzahl der Arbeitsplätze bieten die kleinen Bauernhöfe, die oft von Familien betrieben werden. Es boomen die Biobetriebe, die das Glyphosat von Herrn Schmidt nicht brauchen. Trotzdem setzten sich diejenigen durch, die das Gift wollen. Schmidts Versagen liegt in seiner Zukunftsblindheit. Und in seiner fehlenden Demut vor der Kreatur.

Wäre es wirklich schlimm, wenn wir eines Tages sagten: Huch, der Klimawandel ist gar nicht gekommen. Über den Feldern brummten die Hummeln. Die Luft in den Städten wäre sauber. Es wäre leise. Und in der Lausitz badeten die Touristen in den gefluteten Kohlegruben. So könnte ein Deutschland aussehen, in dem sich auch Christian Schmidt wohlfühlen würde.

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Anmerkung der Redaktion, 8.12.2017: Nordrhein-Westfalen ist nicht das Bundesland mit der stärksten Wirtschaftskraft pro Kopf, wie in der ZEIT Nr. 49 fälschlich behauptet. NRW ist das wirtschaftsstärkste Bundesland, liegt umgerechnet auf die Einwohnerzahl aber nur an sechster Stelle.