Es war in jenem Herbst 1817, da in Garding Theodor Mommsen geboren wurde und in Husum Theodor Storm: Just in jenen Tagen vor genau 200 Jahren verließ Harro Harring diesen friesisch-norddeutschen Landstrich, der auch seine Heimat war. 19 Jahre zählte der Zollamtslehrling, Sohn eines Bauern, eines Deichgrafen – und er begann ein Leben, so unglaublich reich an politischen Leidenschaften und Abenteuern, dass man ihn glatt für eine Kunstfigur halten könnte. Schwer zu begreifen, warum Harring bis heute nie zu einem Filmhelden wurde. Oder gerade darum: weil alles so unwahrscheinlich klingt?

Als bildender Künstler suchte er Ruhm, studierte Malerei in Dresden und Kopenhagen, und als Schriftsteller. Als Mann der Freiheit zog er kreuz und quer durch Europa, Nord- und Südamerika. Beim Unabhängigkeitskampf in Griechenland ist er dabei, beim Aufstand der Polen gegen den Zaren, auf dem Hambacher Fest, als es um die Demokratie in Deutschland geht. In Genf, Paris, Brüssel, London, auf Helgoland und in New York sucht er Asyl, jedes Jahr finden wir ihn in einem anderen Land. Von Brasilien aus wird er zum Ankläger gegen die Sklaverei.

Im Sommer der Freiheit 1848 kehrt er nach Friesland zurück, propagiert eine Friesische Republik. Zieht weiter nach Norwegen, dort ausgewiesen, noch einmal nach New York, nach Rio, und findet schließlich eine letzte Zuflucht auf der englischen Kanalinsel Jersey. Hier, von Depressionen und Verfolgungswahn geplagt, stirbt er 1870 durch eigene Hand.

Berühmte Gefährten begleiten seine Wege und Irrwege. Garibaldi und vor allem Giuseppe Mazzini, die italienischen Revolutionäre, bleiben ein Leben lang seine Freunde. Er verkehrt mit Anarchisten und im hochgestimmten Kreis des Jungen Europa (zu dessen Mitgründern er zählt), ist Gast bei adeligen Gönnern und US-Senatoren; der osmanische Botschafter in London richtet ihm in seiner Residenz ein Atelier ein. Mit Byron trifft er zusammen, mit Börne, Heine, Poe, mit kühnen Frauenrechtlerinnen wie der Amerikanerin Margaret Fuller und der Deutschen Louise Aston. In Oslo protestiert der junge Henrik Ibsen für seine Freilassung, und Victor Hugo sorgt für ihn in den letzten Tagen auf Jersey.

Harring wurde geliebt, verteufelt, verehrt, zigmal verhaftet. Als Glücksritter und Don Quichote schmähte ihn Karl Marx. Ähnliches kam aus der anderen Ecke, von den Konservativen, denen er ein notorischer Windbeutel, ein verblendeter Wühler blieb, den sie steckbrieflich verfolgten und über alle Grenzen hetzten. Seine Bilder fanden keine Gnade vor den Augen der Kunstrichter, und nur wenige seiner autobiografischen Schriften, politischen Reiseberichte, Romane erreichten durch die Eisenzäune der Zensur hindurch ein größeres Publikum. Populär immerhin wurden einige seiner Lieder, Freiheitslieder, versteht sich.

Ein Abenteurer? Märtyrer? Enfant terrible? Enfant perdu? Von allem etwas, und doch trifft nichts davon ihn so richtig. Der Harro Harring, den uns Peter Mathews in seinem Buch vorstellt, ist eine Erscheinung für sich. Ein politpoetisches Gesamtkunstwerk, in dem zugleich das ganze 19. Jahrhundert aufscheint mit seinem Emanzipationsverlangen, Geniekult, Glauben an das Volk, hin- und hergerissen zwischen Freiheitslust und Todessehnsucht.

Mathews schildert Harrings Leben in feurigen Farben – nur leider trägt es ihn immer wieder über die Bahn der Biografie hinaus in die luftigen Gefilde des historischen Romans. Oft weiß der Leser kaum, was ist wahr, was gut nachempfunden, was nur schlecht erfunden. Übergriffig auch, dass meist von "Harro" die Rede ist, als hätte der Autor mit Harring zusammen die Schulbank gedrückt. Zwanzig Jahre Recherche stecken in diesem Buch, versichert uns der Klappentext. Leider aber scheint der Autor den eigenen Quellen nicht zu vertrauen. Er gerät ins Schwatzen und Schwärmen, erfindet gern noch einen Dialog hinzu, stellt sich und dem verwirrten Leser vor, wie es wohl war und wäre. Etliche abstruse Druckfehler verstärken den Eindruck, dass hier ein wenig zu viel harringsche Leidenschaft und zu wenig kühle Wissenschaft am Werke waren.

Und dennoch: Was für ein Leben! Was für eine unglaubliche, rasende Geschichte! Hollywood, Cinecittà, Geiselgasteig: Macht was draus!

Peter Mathews: Harro Harring – Rebell der Freiheit. Europa-Verlag, München 2017; 447 S., 22,90 €