Der junge Mann lebt jetzt auf der Ferieninsel Bali. Das hat Ajono* sich aber nicht ausgesucht. Er wäre lieber in seiner Heimatstadt Yogyakarta geblieben, eine Flugstunde entfernt auf der indonesischen Hauptinsel Java. Warum musste er gehen? Wegen der neuen Homophobie im Land. Islamisten hatten seinen Eltern gedroht, ihr schwuler Sohn könnte umgebracht werden – oder das familieneigene Hotel niedergebrannt. Also schickten sie Ajono nach Bali: Die Insel ist Indonesiens hinduistische Enklave.

Exponiert hatte sich Ajono zu Hause, indem er Kulturabende für die studentische Boheme organisierte – auch zu schwul-lesbischen Themen. Seine Verbannung war noch milde. Andere Homosexuelle werden von ihren Verwandten verstoßen, und die wenigsten haben Geld, um ins sichere Exil zu gehen. Das ist bitter, denn Indonesien gilt noch immer als das moderateste islamische Land der Welt. Es ist auch das Land mit der größten muslimischen Bevölkerung weltweit. Namentlich Yogyakarta, auf halber Strecke zwischen Bali und der Hauptstadt Jakarta gelegen, war einmal das Zentrum eines toleranten Islams. Davon ist nicht mehr viel übrig.

Islam in Südostasien

Anteil der Muslime an der Gesamtbevölkerung auf den Inseln am Äquator

Cornell University Library © ZEIT-GRAFIK

Hat der Islam Schwulen und Lesben den Krieg erklärt? 2017 sah es ganz so aus, auch in einst toleranten Ländern: Indonesien, Tunesien, Türkei. Anderswo erreichte die alte Homophobie eine neue, eliminatorische Qualität. Es gab Hetzkampagnen in Ägypten und Aserbaidschan. In Tschetschenien, der mehrheitlich muslimischen Teilrepublik Russlands, kamen massenhaft Schwule in Lager, wurden gefoltert und umgebracht. Und im konservativsten Landesteil Indonesiens, der Scharia-Provinz Aceh, wurden 2017 erstmals zwei Homosexuelle wegen des Verbrechens ihrer Liebe öffentlich mit Stockhieben bestraft. Zahlreiche Schaulustige verfolgten das Gewaltspektakel freudig erregt.

Was uns vom Westen aus so fremd erscheint, hat leider auch mit uns zu tun. Denn in Europa und den USA verbreitet sich eine Lesart, nach der es "rassistisch" ist, die Homophobie muslimischer Minderheiten zu kritisieren. Wer – wie etwa der CDU-Politiker Jens Spahn und sein Partner – von negativen Erfahrungen mit muslimischen Männern berichtet, erfährt nicht unbedingt Solidarität. Stattdessen soll er Belege anführen, Statistiken. Die kann es freilich nicht geben, weil bei homophoben Angriffen im Westen nicht nach dem ethnisch-religiösen Hintergrund der Täter gefragt wird. Wer das ändern wollte, wäre auch wieder des Rassismus verdächtig. So unterbleibt Kritik. Betroffene aber, die sich beschweren, werden der Islamophobie bezichtigt.

An dieser Stelle würde ich gern persönlich werden. Denn ich habe meine eigenen Erfahrungen mit muslimischer Homophobie gemacht. Mit meinem ersten Freund in Berlin: Beim zärtlichen Abschied am Fernbusbahnhof wurden wir von einem Deutschtürken geschubst und beschimpft. Mit meinem zweiten Freund in Paris: Arabische Franzosen fuhren im Auto an uns vorbei und schrien Drohungen, dann wendeten sie, fuhren wieder an uns vorbei und "erschossen" uns symbolisch: Sie machten eine "Pistole" mit der Hand und ahmten Schießgeräusche nach.

Andere unangenehme Begegnungen folgten. Die letzte größere in Malmö: Mit meinem muslimischen Mann, der Indonesier ist, ging ich spazieren – bis eine Gruppe arabischer Flüchtlinge uns sah, angaffte, sich in die Seiten stieß, immer wieder auf uns zeigte, lachte und verächtliche Blicke auf uns warf.

Dieses Erlebnis kann ich noch am ehesten verzeihen. Denn die jungen Männer waren neu im freien Westen, womöglich waren wir das erste schwule Paar, das sie sahen. Aber bin ich islamophob, wenn ich auf das Erlebnis lieber verzichtet hätte? Man erspare mir bitte den Hinweis, dass mir Ähnliches auch mit rechten Jugendlichen in Berlin-Marzahn passieren kann. Ja! Aber niemand relativiert den Hass deutscher Neonazis damit, dass Islamisten auch schlimm seien.