Das Argument ist abscheulich, aber nicht neu: dass es zu Gesellschaftsumwälzungen nun einmal gehöre, auch Unbeteiligte über die Klinge springen zu lassen. Die Französische Revolution hat es vorgeführt, die russische Oktoberrevolution erst recht: Man musste kein Anhänger des alten Regimes sein, für die Hinrichtung reichten privilegierte Herkunft, Besitz oder der bloße Verdacht auf Gegnerschaft.

Erstaunlich ist aber, wenn die schulterzuckende Hinnahme revolutionären Terrors auch heute noch empfohlen wird. Jakob Augstein, Herausgeber des Freitag, hat die zynische Pointe jetzt für die #MeToo-Bewegung formuliert. Sein Beitrag für Spiegel Online verblüfft zunächst damit, dass er das verständliche Aufbegehren gegen männliche Übergriffe als Revolution einstuft; dann fährt er fort: "Wie jede Revolution wird auch diese nicht ohne Opfer abgehen." Warum? Müssen sich jetzt auch Männer, die nichts getan haben, vor Anklagen fürchten? Ja, müssen sie, meint Augstein. Es sei nämlich deutlich geworden, "was an dieser Debatte bislang fehlte: die Angst der Männer". Und höhnisch fügt er hinzu: "Die Sorge um die Männer war bislang einer der sonderbarsten Züge dieser Auseinandersetzung. Diese eigenartige Sorge, dass die Rechtschaffenen im gleichen Topf gekocht werden könnten wie die Täter und Schurken."

Aber was ist das "Eigenartige" an der Sorge, unschuldig angeklagt zu werden? Spontan würde man diese Sorge für natürlich halten. Es ist allerdings ein eigenartiges, nämlich charakteristisches Merkmal bolschewistischen Terrors, blind und ohne Ansehen der Schuld zu wüten. Stalins Herrschaft gründete darauf. Möchte Jakob Augstein einen feministischen Stalinismus empfehlen? Auf jeden Fall erwartet er, dass die Praxis anonymer Anschuldigungen im Netz, wie sie jüngst eine Journalistin auf ZEIT ONLINE vorführte, unschuldige Opfer produzieren werde. Sabine Rückert, stellvertretende Chefredakteurin der ZEIT, hatte diese Praxis kritisiert, aber Augstein hält sie für "unvermeidlich" nach Logik der Revolution. Das sei "eine Feststellung, keine Rechtfertigung" – doch nur historische Unkenntnis wird darin eine Distanzierung sehen: Gerade die "Feststellung" solcher Unvermeidlichkeiten diente stets zur Rechtfertigung des Terrors.

Die Wiederauflage der revolutionären Menschenverachtung gehört Augstein freilich nicht exklusiv. Sie ist ein Import aus den USA, wo manche Feministinnen schon des Längeren sagen, dass unschuldig denunzierte Männer nicht als Opfer beklagt werden sollten – schließlich seien Frauen früher auch unschuldig Opfer geworden. Vielleicht scheint der Gedanke einer historischen Revanche Augstein so zwingend, dass er meint, ihr nur zu entkommen, wenn er sich beizeiten auf die Seite der Siegerinnen von morgen schlägt – im Sinne von Lichtenbergs Aphorismus: "Die Fliege, die nicht geklappt sein will, setzt sich am sichersten auf die Klappe selbst."