Kunstmetropole Düsseldorf, unten am Rhein. Im NRW-Forum eröffnet Jan Böhmermann, Moderator, Komiker und Mittelpunkt der internationalen "Staatsaffäre Böhmermann" (Erdoğan-Gedicht!), heute seine allererste Kunstausstellung. Sie heißt "Deuscthland" und zeigt Witze, wie man sie aus seiner Sendung "Neo Magazin Royale" kennt, nur eben als Ausstellungsobjekte. Einen alten Nadeldrucker zum Beispiel, der in Echtzeit alle Tweets deutscher Amts- und Mandatsträger ausdruckt. Böhmermann wartet an einem schmucklosen Museumskantinentisch und tippt in sein Handy. Er trägt einen blauen Kapuzenpullover und eine Jeanshose, vor ihm steht eine kleine Coca-Cola: die wunderschöne, 0,2 Liter fassende Reliefflasche. Jan Böhmermann, Chronist der Gegenwart. Reden wir mit ihm über sein Thema: Deutschland. Was sagt der prominenteste Satiriker des Landes zu den Themen der Stunde?

DIE ZEIT: Herr Böhmermann, erstes Stichwort: Merkel-Dämmerung. Ihr Verhältnis zur Kanzlerin gilt als getrübt. Freuen Sie sich, dass ihr die Machtoptionen ausgehen?

Jan Böhmermann: Nein. Ich bin menschlich enttäuscht von meiner direkten Vorgesetzten. Dass jemand, der so pragmatisch ist wie die Bundeskanzlerin, das nicht schnallt: Es ist zu spät. Ihr selbst passiert, was sie dem Dicken vorgeworfen hat: Du schaffst den Absprung nicht!

ZEIT: Was empfehlen Sie Merkel?

Böhmermann: Sie soll die Menschen in ihr Schicksal entlassen! "Ciao, Leute, das war’s! Ich könnt noch länger, aber ich mach’s nicht." Man kann das Land auch an sich selbst zurückdelegieren. Und es geht trotzdem weiter. Stärkt die Demokratie auf lange Sicht! In hundert Jahren würden alle sagen: Hut ab!

ZEIT: Zweites Stichwort: die AfD im Bundestag. Alice Weidel beschwert sich, dass die Medien ihre Reden ignorieren. Verfolgen wenigstens Sie, was die neue Fraktion treibt?

Böhmermann: Ich habe mir auf Phoenix die ersten Reden angeschaut. Ich habe den Eindruck, rein optisch, in der AfD sind die gleichen Freaks, die in den achtziger Jahren in der CDU saßen. Das gleiche höhnische Gelächter, das gleiche Auf-die-Schenkel-Klopfen. Die gleichen Sakkos, die gleichen Gesichter, die gleiche Bräsigkeit. Nichts, was schockiert. Irgendwie beruhigend.

ZEIT: Was meinen Sie: Soll man jetzt mit Rechten reden oder doch lieber nicht?

Böhmermann: Was erfährst du denn von denen, was du nicht schon weißt? Was will uns denn ein Neonazi Neues erzählen? Der ist ja gerade deswegen Neonazi, weil er nichts Neues zu erzählen hat.

ZEIT: Nächstes Thema: Sexismus. Wie hoch ist die Frauenquote hinter den Kulissen Ihrer Sendung?

Böhmermann: Fünfzig Prozent. In fast allen Bereichen. Mit Ausnahme des Autorenbüros, da gibt es immer noch ein Männerübergewicht. Und in der Moderation ist leider auch ein Mann. Die gute Nachricht ist: Ich habe noch keine Lust darauf, mir vor Mitarbeiterinnen einen runterzuholen.

ZEIT: Sie spielen auf den Fall des amerikanischen Komikers Louis C.K. an, der zugegeben hat, vor Kolleginnen masturbiert zu haben.

Böhmermann: Ja. Masturbation vor Mitarbeitern ist vielleicht eine Generationsfrage. Vielleicht auch die Frage, wie man seinen Job so wahrnimmt. Ob man den überhaupt als Job wahrnimmt oder denkt, man sei vom Allmächtigen abgesandt worden, um Comedy zu machen. Oder wenigstens um vor Leuten zu wichsen. Ich glaube, das passiert schnell, wenn man nicht aufpasst.

ZEIT: Wie soll man als Satiriker mit der #MeToo-Debatte umgehen?

Böhmermann: Es ist wichtig, über das zu sprechen, was hinter der #MeToo-Debatte steht: Macht und Machtmissbrauch. Und dann, frei nach Margot Käßmann: Hoffentlich werden wir alle gestärkt aus der Debatte hervorgehen! Aber es wird weiterhin passieren. Die Hoffnungslosigkeit sitzt da immer mit auf dem Beifahrersitz. Dabei kann man nur das: hoffen. Dran arbeiten. Und verzeihen. Letztlich ein sehr christlicher Gedanke. (Er hält kurz inne) Es tut mir leid, ich bin heute im Kapuzenpullover. Wenn ich Anzüge anhabe, bin ich bissiger. Jetzt bin ich in diesem selbstzerstörerischen Erklärmodus.

ZEIT: Es gibt ja auch viel zu erklären.

Böhmermann: Aber das ist leider nicht lustig. Na ja. "We add the comedy later", hat Harald immer gesagt.

ZEIT:Harald Schmidt, für den Sie früher gearbeitet haben.

Böhmermann: Ja. Er hat David Letterman zitiert. David, zitiert von Harald, zitiert von Jan. Drei Generationen anmaßender Größenwahn.

ZEIT: Komiker seien die neuen public intellectuals, heißt es. Nehmen Sie diese These zu ernst?

Böhmermann: Ja! (er überlegt kurz) Also ich bin mir der Gefahr bewusst, dass ich das zu ernst nehmen könnte. Durch mein privates Umfeld lebe ich zum Glück in ständiger Angst vor schmerzhafter Sanktionierung. "Hör ma auf jetzt", heißt es dann. "Jetzt halt mal die Fresse."