Der Begriff "Sucht" wird oft leichtfertig gebraucht. Es gibt Menschen, die bezeichnen sich als süchtig nach Kartoffelchips (ZEIT Nr. 37/12) oder Schokolade (Nr. 9/01). In diesen Lebensmitteln stecken aber keine suchtfördernden Substanzen, sie enthalten einfach in hoher Konzentration lebenswichtige Nährstoffe. Und dem Körper gefällt diese angenehme Form, den Hunger zu stillen. Kartoffelchips enthalten viel Salz, in Schokolade stecken Fett und Zucker. Sobald wir satt sind, lässt das Verlangen spürbar nach.

Menschen, die auf eine vegane Diät umsteigen, berichten oft, dass ihnen der Käse am meisten fehlt. Von radikalen Milchgegnern bekommen sie dann zu hören: Es sind die Casomorphine, die dich süchtig gemacht haben. Wie der Name schon sagt, sind diese Peptide mit Opioiden verwandt.

Um jedoch ähnlich wie Morphium oder Heroin zu wirken, müssten die Casomorphine nicht nur den Verdauungsprozess überstehen und ins Blut gelangen. Sie müssten auch die Blut-Hirn-Schranke überwinden, um sich im Gehirn an die Opioid-Rezeptoren zu binden. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit hat 2009 einen mehr als 100 Seiten dicken Bericht über mögliche Gesundheitsbeeinträchtigungen durch Casomorphine veröffentlicht. Unter anderem stellten die EU-Forscher fest: Es gibt keine Anzeichen dafür, dass diese Stoffe ins Blut gelangen, geschweige denn ins Gehirn. Das macht auch die These höchst fragwürdig, dass Muttermilch eine Droge sei, mit der man Babys ruhigstelle. Und was den Käse angeht: Die "Suchtstoffe" darin sind wohl vor allem Fett und Salz.

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