Wenn die Haut plötzlich juckt

Auch Krankheiten haben ein Image. Herz-Kreislauf: Da rackert sich einer für irgendeine Sache zu Tode. Leber: Oha, der Patient hängt an der Flasche. Tropenkrankheit klingt weitgereist und spannend. Aktuell wird das Land von einer Krankheit attackiert, deren Name Angst und Schrecken verbreitet: der Krätze.

"Krätze auf dem Vormarsch", titelte der Bremer Weser-Kurier im Oktober. Zuvor hatte man aus Bonn von der krätzebedingten Schließung einer Krankenhaus-Station gehört. Im oberfränkischen Bad Berneck nistete sich die Krätze in der Kita "Kindernest" ein. Und selbst die Bereitschaftspolizei Bruchsal musste ihre Schule schließen. Vormarsch, Kampf und "Krätzealarm": Das Gefahrenpotenzial scheint so groß, dass sich viele Medien einer Kriegsmetaphorik bedienen. 

Dabei ist Krätze oder Skabies, wie der Mediziner sagt (vom lateinischen scabere: kratzen), eine klassische Hauterkrankung. Sie wird von Milben hervorgerufen, die auf der Hautoberfläche des Menschen unterwegs sind. Dort begegnet das winzige Männchen dem bis zu einem halben Millimeter großen, halbkugeligen Weibchen, das mit dem menschlichen Auge gerade noch als Punkt wahrnehmbar ist. Nach der Begattung gräbt das Weibchen einen Tunnel in die oberste Hornhautschicht. Hier lebt die Milbe bis zu 60 Tage lang und deponiert Kot sowie etwa 50 Eier, aus denen nach drei bis fünf Tagen Larven schlüpfen. Einige Tage und Metamorphosen später ist eine neue Milbengeneration unterwegs.

Vielleicht trägt es zum Unheimlichen der Krätze bei, dass sie im Klammheimlichen wirkt. Krätzmilben (Sarcoptes scabiei, übersetzt "Fleischbeißer") mögen es warm; darum bevorzugen sie Orte zwischen den Fingern, im Ellbogen, in der Nabelregion und – peinlich! – im Schambereich. Die mit Weberknechten und Zecken verwandten Tiere selbst wird man kaum finden – der Arzt stellt die Diagnose anhand von Pusteln, Bläschen und Quaddeln. Typisch ist das sprichwörtliche Krätzejucken besonders nachts als Reaktion des Immunsystems auf die körperfremden Wesen samt ihren Ausscheidungen in der Haut. Unter dem Dermatoskop, einem speziellen Mikroskop, kann der Hautarzt auch die Milbengänge und den "winddrachenförmigen" Kopf der Milbe entdecken.

Doch wie groß ist der derzeitige Skabies-Ausbruch tatsächlich? Dummerweise ist das Problem Krätze nicht quantifizierbar. Denn eine Anzeigepflicht gilt nur bei Institutionen wie Schulen, Flüchtlingsunterkünften oder Altersheimen. Dort gab es, laut einer Umfrage des Berliner Robert-Koch-Instituts (RKI) bei den Gesundheitsämtern, deutschlandweit 2016 insgesamt 7000 Meldungen. Allerdings machen die Zahlen gerade beachtliche Sprünge. 2015 registrierte etwa das Gesundheitsamt in Bremen nur 26 Fälle. Ein Jahr später waren es bereits 130 und allein in den ersten neun Monaten dieses Jahres 175 Fälle. In Düsseldorf stieg im selben Zeitraum die Fallzahl auf 580 Prozent, in Duisburg auf 512 Prozent.

"In jedem Industrieland gibt es eine Durchseuchung – allerdings auf niedrigem Niveau", sagt Anton Aebischer, am RKI Leiter des Fachgebiets "Erreger von Pilz- und Parasiteninfektionen und Mykobakteriosen". Global sieht es anders aus. Die Weltgesundheitsorganisation hat die Krätze 2013 als "vernachlässigte Tropenkrankheit" gekennzeichnet. Denn besonders in heißen Gegenden fühlt sich die Krätzmilbe wohl. Dort sind in manchen Ländern bis zu 15 Prozent der Bevölkerung befallen, in der Hauptsache, so sagt das Robert-Koch-Institut, "Bevölkerungsgruppen, die auf engem Raum zusammenleben, unter anderem Waisenkinder, Straßenkinder, Gefängnisinsassen".

Prävention ist nicht trivial

Die Krätze ist mithin weltweit verbreitet und seit Urzeiten bekannt – trotzdem ist die Überraschung jedes Mal groß, wenn Skabies plötzlich wieder auftritt. Krätze erinnert ans Mittelalter, an Kriege und Schützengräben. Auch das dazugehörige "Kratzen" assoziiert man mit Armut und Schmutz. Tatsächlich tun sich selbst Ärzte mit der Diagnose schwer. Im Frühstadium tippen sie oft auf Pickel oder Wanzenstiche. Jüngere Mediziner haben Skabies oft noch nie gesehen, verzeichnen Dermatologen doch nur alle 15 bis 30 Jahre ein Umsichgreifen der Krankheit.

Gerade befindet sich das Land offenbar wieder in einer Phase zunehmender Krätze. Nun muss man aufs Neue lernen, dass Krätze kein Problem früherer Elendszeiten ist. Auf unhygienische Zustände ist die Krankheit nicht angewiesen. Wer Krätze hat und sich gründlich wäscht, hat am Ende bloß saubere Krätzmilben.

Während der Arzt Krätze leicht behandeln kann, ist die Prävention nicht ganz trivial. Zwar lässt sich die Übertragung der Krankheit theoretisch leicht vermeiden: Da der Parasit für das Umsteigen von einem Wirt auf einen anderen bis zu eine Viertelstunde braucht, muss man nur den längeren Hautkontakt mit einem Infizierten vermeiden. Leider jedoch ist der Befall nicht sofort zu erkennen, denn die Inkubationszeit beträgt zwischen zwei und fünf Wochen.

Für die Praxis von Pflegeheimen, in denen sich das Personal intensiv um die Patienten kümmert, oder von Einrichtungen, in denen sich Kinder aufhalten, heißt das: Händeschütteln, Begrüßungsküsse oder Umarmungen stellen kein Risiko dar. Ist Sarcoptes scabiei jedoch einmal im Haus, müssen Bewohner, Pflegepersonal und eventuell auch die Angehörigen therapiert werden.

Übrigens ist der Sonderfall Sexualkontakt der erfolgreichste Übertragungsweg für die Krätze. So gibt es unter Kollegen manchmal zu Recht Getuschel, wenn zwei Mitarbeiter sich gleichzeitig ausgiebig zu kratzen beginnen. Dies ist wohl auch ein Grund für das miese Image: Im weiteren Sinn ist die Krätze eine Geschlechtskrankheit.