Pfoten weg. Auch wenn es schwerfällt. Moment – geht es in dieser Ausstellung in der Kunsthalle denn nicht um Bücher? Schon. Allerdings um besondere Bücher. Künstlerbücher eben. Was das ist? Gar nicht mal en passant zu definieren, wie die Kuratoren Astrid Joosten und Petra Roettig gleich zugeben. Man kann es so sagen: Es handelt sich weniger um Leseware als um Objekte, in Ateliers entstanden von Künstlerhand und anschließend gedruckt. Maler, Grafiker, Bildhauer wollten einfach mal weg vom großen Werk, hin zur kreativen Fingerübung, etwas zum Herumspielen, Ausprobieren haben. Also haben sie losgelegt und selbst ein Ding entworfen, das sich zwischen Buchdeckel klemmen ließ. Mal wurde das wie im Rausch genial zusammengeschustert, mal skrupulös-sorgfältig hergestellt. Geschrieben, geklebt, geheftet, fotografiert, collagiert, gestempelt, fotokopiert oder per Offset gedruckt – die Zahl der Mittel scheint endlos in den Anfangsjahren der Künstlerbücher, den wilden Sixties. Als Kunst massentauglich werden wollte, politisch aufgeladen und demokratisch legitimiert. Schön billig sollte es sowieso sein. Lawrence Weiners Statements- Heftchen kostete gerade einmal 1,95 Dollar. Als es die Hamburger Kunsthalle erwarb, war es mit zwei britischen Pfund noch erschwinglich. Heute zahlen Sammler für so etwas mehrere Hundert Euro.

So vielseitig die Machart, so wenig lässt sich die Botschaft dieser Objekte griffig zusammenfassen. Wenn Marina Abramović und Ulay ihre Haarschöpfe miteinander verknoten, um Rücken an Rücken starr auf Stühlen auszuhalten, Stunde um Stunde, ist das erst einmal eine ihrer typischen Performances, Relation / Works. Eingefroren in Fotografien wird es im Künstlerbuch zum Dokument, das den flüchtigen Moment festhält.

Ob das Dieter Roth (1930–1998) akzeptiert hätte? Niemals. Ihm, einem der großen Erfinder des Künstlerbuchs, wäre das zu simpel gewesen. Bevor er begann, seine Schokoladen-Skulpturen dem Zahn der Zeit zu überlassen, baute er Bücher, spielerische Studien mit Alphabet, mit Kreis, Quadrat und Kästchen. Schön bunt und spiralgebunden. Wie Bilderbücher? Eine ganz falsche Fährte. Roth dachte nicht nur konzeptionell, sondern setzte sich mit der Philosophie eines Ludwig Wittgenstein auseinander. Liebe zur Geometrie beschäftigte auch Sol LeWitt (1928–2007), der in Lines and Color Muster aus horizontalen Linien schichtet, in Schwarz, Weiß, Gelb, Rot, Blau. Überhaupt das Serielle, unendlich Wiederholbare. Thomas Bayrle (*1937) liebt es ebenfalls. In Feuer im Weizen werden Einzelmotive zu einem Rasterbild zusammengesetzt, unbedingt erotisch konnotiert. Zeitgenossen erinnern sich an die schrille Cover-Ästhetik des Frankfurter März-Verlages. Was für ein Kontrast zum raffinierten David Shrigley (*1968), der seine Kinderzeichnungen zwischen Pappdeckeln versteckt, ein Täuschungsmanöver. Immer geht es um Gewalt, Sex und untergründige Gefahr.

Man möchte blättern, anfassen – und, Überraschung, im vorletzten Raum wird dem Impuls doch noch stattgegeben.

Pfoten raus. Endlich!"Künstlerbücher", Hamburger Kunsthalle; 1. Dezember 2017 bis 2. April 2018