Martin Ahrends lebt als Schriftsteller in Werder an der Havel. © Christine Oppe

"Inzwischen" schreibt mir eine Lyrikerin, "bin ich bereit, alle möglichen Wege zu gehen, Hauptsache, sie führen aus der Schublade heraus. Können Sie mir raten?" – "Wollen Sie nicht", antworte ich, "eine Auswahl Ihrer Texte in die Runde schicken? Sie in den Wind ausstreuen wie der Baum seine Früchte? Seinen Samen? Und alles Weitere dem Zufall oder dem lieben Gott überlassen? Freilich, wir müssen selbst um uns Wind machen, da ist niemand, der zu uns käme, um das Unsere zu ernten. Uns ist, als würden wir unsere Früchte abschütteln wie eine Last, wir fühlen uns wie Verräter an ihnen, wenn wir sie zu Markte tragen."

"Einfach mal in die Runde schicken", antwortet sie, "eine gute Idee, aber wie wähle ich die Teilnehmer der Runde aus?" – "Nehmen Sie zehn Ihrer Gedichte, machen Sie davon zwanzig Kopien, zehn gehen an Zeitschriften, zehn an Verlage. Bewerben Sie sich um alle möglichen Stipendien, nur so wird man der landesüblichen Literaturförderung teilhaftig. Und wenn Sie alles versendet haben, vergessen Sie die Aktion, enthalten Sie sich jeder Erwartung. So halte ich es seit Jahren und fahre psychohygienisch gut damit. Denn Sie werden von den wenigsten Adressaten auch nur eine Absage erhalten." – "Danke für die Erläuterung möglicher Vorgehensweisen, sehr hilfreich, so eine Step Outline."

Das ist offenbar ein Begriff aus ihrer früheren Berufstätigkeit als Managerin. Warum hat sie ihren Beruf aufgegeben, um Gedichte zu schreiben? Ich weiß es nicht, bemerke nun aber, dass meine Ratschläge dieser Erfolgsfrau wie die Tipps eines Losers erscheinen müssen.

Ich schreibe: "Bitte beziehen Sie meine negativen Erfahrungen mit eigenen Vermarktungsbemühungen nicht auf Ihre Texte. Mir ist, als hätte ich Ihnen geraten, sich ans Meer zu stellen und Ihre Blätter dem ablandigen Sturm preiszugeben. Das Bild vom Baum finde ich nach wie vor passend, wenn man es positiv deutet: Dem Baum sind seine Samen ja nicht gleichgültig, wenn er sein Bestes vom Wind dahin tragen lässt, wo es fruchten kann. Halten Sie sich also getrost an die Zuversicht des Baumes, der mit leichter Hand das Seine ausstreut, weil er weiß, dass die dämmernde Erde ringsum seiner Früchte bedarf."

Das ist ihr nun doch der falsche Ton, entschieden. "Ich produziere weder für den Zufall noch für den lieben Gott", schreibt sie. "Der Literaturmarkt ist so kalkulierbar wie jeder andere Markt und ebenso manipulierbar. In zwei Jahren habe ich meinen Lyrik-Beststeller, verlassen Sie sich darauf."