"Abscheulich"

Im Wiener Reichsrat herrscht wilde Aufregung. Es ist der Abend des 28. Oktober 1897. Abgeordnete brüllen durcheinander und dreschen mit ihren Pultdeckeln auf die Tische, während Otto Lecher, ein Vertreter der Deutschnationalen, zum Rednerpult schreitet. Der Lärm sei so ohrenbetäubend, notiert ein amerikanischer Beobachter, "wie er auf unserem Planeten nicht mehr zu hören war, seit die Komantschen zum letzten Mal mitten in der Nacht eine weiße Siedlung überfallen haben". Der Besucher ist der amerikanische Bestsellerautor Mark Twain. Das Schauspiel macht ihn ratlos. Anderswo würden solche Vorgänge die Regierung zu Fall bringen, aber nicht in Österreich. "Hier muss man offenkundig erst einmal abwarten und sehen, was passiert, um sich Gewissheit zu verschaffen", schreibt er spöttisch.

Zwei Jahre lang, von 1897 bis 1899, lebte Mark Twain in Österreich. Die Geschichten von Tom Sawyer und Huckleberry Finn waren Welterfolge, aber der Versuch, sich als Verleger zu betätigen, war gescheitert, Twain stand vor einem Schuldenberg. Er brach zu einer mehrjährigen Europareise auf, um mit Lesungen, Autogrammstunden und Artikeln seine Schulden zu tilgen.

Seine Ankunft in Österreich sorgte für Aufsehen. Die Wiener Zeitungen berichteten regelmäßig über den Yankee an der Donau, und er war gern gesehener Gast bei gesellschaftlichen Anlässen. Selbst Kaiser Franz Joseph empfing ihn zu einer privaten Audienz.

Twain zeigte sich amüsiert, beeindruckt und manchmal etwas erschrocken über die Zustände in der Monarchie.

Denn in Zisleithanien lief alles etwas unrund. Die Konflikte zwischen den Nationalitäten der Monarchie kochten hoch, und das Wiener Parlament wurde zum Brennpunkt der politischen Auseinandersetzung. Die Abgeordneten waren vor allem damit beschäftigt, Entscheidungen und Debatten zu verhindern, es war die sogenannte "Ära der Obstruktion".

Zankapfel war die Sprachverordnung von Ministerpräsident Kasimir Graf Badeni. Sie verpflichtete die Kronländer Böhmen und Mähren zur Zweisprachigkeit – deutschsprachige Beamte müssten demnach Tschechisch lernen. Die Deutschnationalen wollten das Parlament nun blockieren – unter anderem mit einem Sprechmarathon.

Otto Lecher war dieser Dauerredner, zwölf Stunden sollte er sprechen. Und Twain war dabei. Er beobachtete die mehrtägige Sitzung für das Harper’s New Monthly Magazine.

In seinen Beiträgen erzählt Mark Twain die Vorkommnisse im österreichischen Parlament, als würde er einer Theatervorführung beiwohnen. Die Abgeordneten sind in diesem Stück Schauspieler, denen er Rollen zuteilt und die er detailverliebt beschreibt: Ministerpräsident Badeni setze eine "anschauliche napoleonische Miene von schöner Nachdenklichkeit" auf. Lecher "ist groß gewachsen und wohlproportioniert und hat seine Muskeln beim Bergsteigen geformt und gestählt". Ein namenloser Zwischenrufer sei "ein junger Mann von schmächtiger Statur und ordentlichem Äußeren. Adrett und gut aussehend, ein ausdrucksstarkes Gesicht mit schmalen Zügen und spärlichem Schnurrbart, das schwarze Haar leicht zerzaust, dazu eine resonante und wohlklingende, in Tonhöhe und Modulation angenehme Stimme".

Er dokumentiert antisemitische Zwischenrufe

Die Zusammensetzung der Abgeordneten faszinierte den Amerikaner. Diese vielen Nationen mit elf unterschiedlichen Sprachen, "elf unterschiedlichen Spielarten von Eifersüchteleien, Feindseligkeiten und widerstreitenden Interessen", dazu die hohe Dichte an Doktortiteln, die ihm völlig schleierhaft erscheint. Es sei ihm aber versichert worden, dass es sich "keineswegs um einen selbst verliehenen Titel" handle.

Einig seien sich die Männer in wenig, nur fromm seien sie alle, rechtschaffen und pflichtgetreu – "und alle hassen sie die Juden".

Immer wieder dokumentiert Twain antisemitische Zwischenrufe, und als es später im Jahr zu Ausschreitungen im Reich kommt, Deutsche gegen Tschechen vorgehen und umgekehrt, schreibt er: "... und in allen Fällen mussten die Juden bluten, egal auf welcher Seite sie standen".

Mark Twain war gnadenlos subjektiv und ein präziser Beobachter. Er beschreibt, wie das Wahlrecht Großgrundbesitzer bevorteilte und wie der Politik die Zentrifugalkräfte im Reich entglitten. Einen eigenen Text widmete er dem Paragrafen 14, dem Notverordnungsparagrafen, der eine Gesetzgebung ohne den Reichsrat vorsah.

Es sei der "wertvollste Paragraph, den wohl je eine Verfassung gesehen hat: Von Meisterhand formuliert und von meisterhaftem Verstand ausgelegt". Auf den ersten Blick wirke er zwar vernünftig, doch er sei eben verfasst in "jener so umsichtigen deutschen Sprache", dass seine Worte bedeuten könnten, was immer einem gefällt, "aber für zwei Menschen nie ein und dasselbe; keine deutsche Aussage tut das je".

Die Parlamentsdebatte Ende Oktober 1897 endete mit einem brutalen Polizeieinsatz. Twain war angewidert davon, wie ein Bataillon Polizisten in Zweierreihe eindrang. "Es war ein abscheuliches Schauspiel." Abgeordnete wurden hinausgeschleppt und -gezerrt. "Die Erinnerung daran wird alle heute regierenden Königshäuser überleben."

Die Regierung Badeni wurde schließlich vom Kaiser entlassen, doch der Nationalitätenkonflikt sollte sich bis zum Ende der Monarchie nicht wieder legen. Mark Twain hätte keinen besseren Zeitpunkt wählen können, um die Zustände in diesem merkwürdigen Reich zu beobachten. Er beschreibt eine Kultur der politischen Unverantwortlichkeit, des allgegenwärtigen Antisemitismus und Rassismus, die Zensur der Medien und ausführlich die wechselseitigen Beschimpfungen.

Die Texte waren fast ein Jahrhundert lang weitgehend in Vergessenheit geraten, bis die Direktorin der Parlamentsbibliothek wieder darauf stieß. 2013 erschienen sie erstmals übersetzt in einem schmalen Bändchen. Die neue Ausgabe wurde nun schön ausgestattet und um lesenswerte Aufsätze zu Mark Twain und Österreich am Ende des 19. Jahrhunderts erweitert. Auch die englischen Texte wurden dem Band beigefügt und ein Hörbuch.

Wer die Reportagen liest, findet viele Parallelen zwischen der politischen Kultur der Monarchie und heute. Das Suchen nach gemeinsamen Feindbildern ist auch im Nationalrat beliebt, die wechselseitige Blockade Usus, und selbst Dauerreden finden ab und an statt. Den Rekord hält übrigens der frühere grüne Abgeordnete Werner Kogler, der im Jahr 2010 mit einer fast 13-stündigen Rede im Budgetausschuss jene von Otto Lecher übertraf. Mark Twain hätte seine Freude mit Kogler gehabt, der um zwei Uhr morgens mit dem Satz endete: "Das ist eigentlich schon alles, was ich sagen wollte."

Mark Twain: Reportagen aus dem Reichsrat, hrsg. v. d. Parlamentsdirektion, a. d. Engl. von Jacqueline Csuss und Werner Richter, mit einem Hörbuch, gelesen von Hermann Beil; Residenz Verlag, Wien 2017; 176 S., 25,– €