Die Zusammensetzung der Abgeordneten faszinierte den Amerikaner. Diese vielen Nationen mit elf unterschiedlichen Sprachen, "elf unterschiedlichen Spielarten von Eifersüchteleien, Feindseligkeiten und widerstreitenden Interessen", dazu die hohe Dichte an Doktortiteln, die ihm völlig schleierhaft erscheint. Es sei ihm aber versichert worden, dass es sich "keineswegs um einen selbst verliehenen Titel" handle.

Einig seien sich die Männer in wenig, nur fromm seien sie alle, rechtschaffen und pflichtgetreu – "und alle hassen sie die Juden".

Immer wieder dokumentiert Twain antisemitische Zwischenrufe, und als es später im Jahr zu Ausschreitungen im Reich kommt, Deutsche gegen Tschechen vorgehen und umgekehrt, schreibt er: "... und in allen Fällen mussten die Juden bluten, egal auf welcher Seite sie standen".

Mark Twain war gnadenlos subjektiv und ein präziser Beobachter. Er beschreibt, wie das Wahlrecht Großgrundbesitzer bevorteilte und wie der Politik die Zentrifugalkräfte im Reich entglitten. Einen eigenen Text widmete er dem Paragrafen 14, dem Notverordnungsparagrafen, der eine Gesetzgebung ohne den Reichsrat vorsah.

Es sei der "wertvollste Paragraph, den wohl je eine Verfassung gesehen hat: Von Meisterhand formuliert und von meisterhaftem Verstand ausgelegt". Auf den ersten Blick wirke er zwar vernünftig, doch er sei eben verfasst in "jener so umsichtigen deutschen Sprache", dass seine Worte bedeuten könnten, was immer einem gefällt, "aber für zwei Menschen nie ein und dasselbe; keine deutsche Aussage tut das je".

Die Parlamentsdebatte Ende Oktober 1897 endete mit einem brutalen Polizeieinsatz. Twain war angewidert davon, wie ein Bataillon Polizisten in Zweierreihe eindrang. "Es war ein abscheuliches Schauspiel." Abgeordnete wurden hinausgeschleppt und -gezerrt. "Die Erinnerung daran wird alle heute regierenden Königshäuser überleben."

Die Regierung Badeni wurde schließlich vom Kaiser entlassen, doch der Nationalitätenkonflikt sollte sich bis zum Ende der Monarchie nicht wieder legen. Mark Twain hätte keinen besseren Zeitpunkt wählen können, um die Zustände in diesem merkwürdigen Reich zu beobachten. Er beschreibt eine Kultur der politischen Unverantwortlichkeit, des allgegenwärtigen Antisemitismus und Rassismus, die Zensur der Medien und ausführlich die wechselseitigen Beschimpfungen.

Die Texte waren fast ein Jahrhundert lang weitgehend in Vergessenheit geraten, bis die Direktorin der Parlamentsbibliothek wieder darauf stieß. 2013 erschienen sie erstmals übersetzt in einem schmalen Bändchen. Die neue Ausgabe wurde nun schön ausgestattet und um lesenswerte Aufsätze zu Mark Twain und Österreich am Ende des 19. Jahrhunderts erweitert. Auch die englischen Texte wurden dem Band beigefügt und ein Hörbuch.

Wer die Reportagen liest, findet viele Parallelen zwischen der politischen Kultur der Monarchie und heute. Das Suchen nach gemeinsamen Feindbildern ist auch im Nationalrat beliebt, die wechselseitige Blockade Usus, und selbst Dauerreden finden ab und an statt. Den Rekord hält übrigens der frühere grüne Abgeordnete Werner Kogler, der im Jahr 2010 mit einer fast 13-stündigen Rede im Budgetausschuss jene von Otto Lecher übertraf. Mark Twain hätte seine Freude mit Kogler gehabt, der um zwei Uhr morgens mit dem Satz endete: "Das ist eigentlich schon alles, was ich sagen wollte."

Mark Twain: Reportagen aus dem Reichsrat, hrsg. v. d. Parlamentsdirektion, a. d. Engl. von Jacqueline Csuss und Werner Richter, mit einem Hörbuch, gelesen von Hermann Beil; Residenz Verlag, Wien 2017; 176 S., 25,– €