Vor 100 Jahren hielt Max Weber seine berühmte Rede. Für ihn waren Wissenschaftler Helden. Heute wollen sie vor allem Chef werden. Versponnene Gelehrte und zerstreute Käuze gibt es immer weniger. Muss der Heroismus wiederauferstehen?

Was hat uns ein 100 Jahre alter Text heute noch zu sagen? Einen Vortrag, den Doktoranden und Professoren, Politiker und Journalisten immer wieder zitieren, "Wissenschaft als Beruf", den Max Weber im November 1917 vor Studenten in einer Münchner Buchhandlung hielt.

Trivialerweise liegt eine Ursache für das aktuelle Interesse an diesem Vortrag in dem Umstand, dass er nunmehr ein Jahrhundert alt ist. Das ist deshalb der Erwähnung wert, weil es symptomatisch für einen bestimmten Zugang zur Themensuche auch in der Wissenschaft ist. Der Sachbuchmarkt, der für die Vermittlung von Wissenschaft an die Öffentlichkeit so wichtig ist, wird heute von Werken dominiert, die zu Gedenktagen geschrieben wurden. Was aber ist eine Fragestellung wert, die sich daran orientiert, dass ihr Gegenstand genau einhundert und nicht einhundertundsiebzehn Jahre alt ist?

Wer Wissenschaft an die Öffentlichkeit vermitteln will, muss intellektuelle Kompromisse machen, allerdings keine bei der Themenwahl. Max Weber hätte sich ob eines solchen Mangels an intellektueller Unabhängigkeit verwundert abgewendet; dass wir uns für Webers Text interessieren, dafür müssen wir bessere Gründe finden.

"Denn es ist außerordentlich gewagt für einen jungen Gelehrten, der keinerlei Vermögen hat, überhaupt den Bedingungen der akademischen Laufbahn sich auszusetzen.

Max Weber, "Wissenschaft als Beruf"

Max Weber war in dem Moment, als er in München vor die Studenten trat, nicht eben dazu prädestiniert, über das Thema "Wissenschaft als Beruf" aus eigener Erfahrung zu sprechen. Im Jahr 1917 hatte Weber schon seit 14 Jahren den Hochschuldienst aufgegeben. Er war ein Privatgelehrter, der sich wegen psychischer Störungen hatte entpflichten lassen, um nur so zu einem großen Soziologen werden zu können. Mit der Universität hatte er wenig zu tun. Obwohl er in seinen letzten Jahren an die Universität zurückgekehrt ist, hat Weber in seinem Leben nur 17 Semester gelehrt. So liefert "Wissenschaft als Beruf" weniger einen soziologischen Vortrag über die gesellschaftlichen Bedingungen von Wissenschaft als eine Reflexion über die psychische Statur von Forschern: Wie kann ein Wissenschaftler es ertragen, dass Wissenschaft keinen tieferen Sinn stiften kann, sondern immer nur Mittel zum Zweck entdecken? Die Dramatik dieser Fragestellung hat auch handfeste politische Ursachen, doch spricht Webers Frage heute die Wissenschaftler nicht mehr an. Webers Leiden an der Wissenschaft können wir schwerlich nachvollziehen. Die Antwort freilich, die Weber auf seine Frage gibt, ist attraktiv, und in ihr dürfte der eigentliche Grund für den anhaltenden Erfolg des Vortrags liegen. Weber erzählt eine Heldengeschichte – die Geschichte des Wissenschaftlers, der der moralischen Leere seiner eigenen Tätigkeit ins Auge sehen kann, ohne deswegen sein Wahrheitsstreben moralisch oder politisch zu kompromittieren.

Plausibilität gewinnt diese Heldengeschichte durch Webers eigenes Leben, in dem der große Forscher und der große Polemiker, der, der grundstürzend gute Soziologie betrieb, und der, der sich mit unglaublicher Energie und Aggressivität in jede öffentliche Debatte stürzte, auch in der Lage war, beide Rollen auseinanderzuhalten.

"In der heutigen Zeit ist die innere Lage gegenüber dem Betrieb der Wissenschaft als Beruf bedingt zunächst dadurch, daß die Wissenschaft in ein Stadium der Spezialisierung eingetreten ist, wie es früher unbekannt war, und daß dies in alle Zukunft so bleiben wird."

Max Weber, "Wissenschaft als Beruf"

Webers Wissenschaftler ist anders als Weber selbst bloß ein Held nach innen. Nach außen ist er ein Langeweiler, der ohne große Erfolgsaussichten an das immer gleiche Problem herangeht. Er ist auch jemand, der mehr und mehr dazu gezwungen ist – das hat Weber früh gesehen –, seine Forschung in Großorganisationen einzubetten. Wie man aus den gerade herausgegebenen wissenschaftspolitischen Schriften in der Max-Weber-Gesamtausgabe weiß, hatte Weber auch Interesse an arbeitsteiliger Projektforschung, er fand nur niemanden, der ihm dabei half. Zu den wenigen genuin soziologischen Thesen in seinem Vortrag gehört die Vermutung, dass diese Art betriebsförmiger Forschung aus den Vereinigten Staaten nach Deutschland komme. In den beiden Ländern sah er unterschiedliche, ja inkompatible Wissenschaftstypen am Werk. Die "geistesaristokratische" Wissenschaft der deutschen Ordinarienuniversität und die arbeitsteilige Forschung in den USA, die die Studenten wie Kunden behandelt.

Lag Weber mit diesem Vergleich richtig? Viele neuere Entwicklungen an den Hochschulen kommen aus den USA, aber zugleich ist es den amerikanischen Universitäten gelungen, eine angenehm selbstgenügsame Gelehrtenwelt zu bewahren, in der die akademischen Stars nichts anderes machen, als zu forschen und zu lehren. An den deutschen Universitäten hat sich dagegen eine ausgeprägte Angestelltenkultur entwickelt, die man so auf einem amerikanischen Campus nicht findet. Dies gilt gerade für das obere Ende der akademischen Karriereleiter: Wer die Mitgliederlisten wissenschaftlicher Akademien in Deutschland durchschaut, findet fast nur Titel wie Präsident, Direktor, Vorstand, also mit Weber gesprochen Figuren bürokratischer Herrschaft, kaum bloße Professoren. Umgekehrt treten auf einem deutschen Campus immer weniger zerstreute Käuze, versponnene Gelehrte oder auch einfach nur Erbsenzähler in Erscheinung, die in der akademischen Binnenhierarchie weniger Chancen zu haben scheinen als früher. Anders als in den USA zeigt sich in Deutschland der Erfolg von Hochschullehrern also letztlich darin, dass sie die Fakultät einer Universität verlassen. Die Universität ist auch durch die Dominanz der außeruniversitären Forschung zu einer Organisation geworden, die zwar Forschung und Lehre in einer unabhängigen Form verpflichtet ist, die sich aber zugleich nach anderem zu sehnen und an anderem zu orientieren scheint. Der Gelehrte träumt davon, Chef zu werden – er sucht nach gesellschaftlicher Relevanz, nach Anerkennung, vielleicht gar Sinn, der sich nicht aus wissenschaftlicher Forschung direkt ergibt. Er ist kein Weberscher Held mehr. So bleibt Webers Text attraktiv, weil er uns vergessen lässt, wie wenig Wissenschaft als Beruf heute noch mit Webers Heroismus zu tun hat.