Über Neuwahlen heißt es in Berlin derzeit ja gern: Das können wir uns nicht leisten. Gemeint ist das meistens im übertragenen Sinne von: Das könne man dem Wähler nicht zumuten, und verfassungsrechtlich gebe es die Option noch gar nicht. Dabei stimmt der Satz auch in seiner ganz konkreten Bedeutung.

Viele Abgeordnete wüssten derzeit gar nicht, wie sie Neuwahlen überhaupt bezahlen sollten.

Für das Parlament zu kandidieren kostet nämlich viel Geld. Auch eigenes. Dass man mehrere Zehntausend Euro aus dem Privatvermögen oder sogar Kredite in den Wahlkampf investiert, das ist auch in Deutschland vollkommen normal. Solche Summen bringen aber die wenigsten Abgeordneten mal eben so wieder zusammen. Nach der Bundestagswahl herrscht in den Kassen vieler Parlamentarier Ebbe.

Neuwahlen können wir uns nicht leisten – das stimmt, auch finanziell nicht. Denn die gesetzliche Wahlkampfkostenerstattung kommt nicht den Abgeordneten zugute, sondern den Parteien. Und die verteilen den Rückfluss auf viele Empfänger: Ortsvereine, Angestellte, Bürovermieter. Die Mandatsträger (wie auch die gescheiterten Bewerber) bleiben deshalb regelmäßig auf einem erheblichen Teil ihrer Auslagen sitzen. Ein Geldproblem hätten im Falle von Neuwahlen vor allem die Vertreter von Union und SPD. Und zwar weil sie am härtesten, sprich teuersten um Direktmandate kämpfen.

Die Abgeordneten der kleineren Parteien sind fast alle über die Zweitstimme, also die Landeslisten, in den Bundestag eingezogen. Weil sie ihren Wahlkreis nicht unbedingt gewinnen müssen, brauchen sie nicht so tief in die Tasche zu greifen. Von den 246 Abgeordneten von CDU und CSU hingegen sind nur 15 über Listenplätze in den Bundestag eingezogen. Die übrigen kamen per Direktmandat ins Parlament. Das heißt: Der Sieg im Wahlkreis ist für Unionskandidaten fast die einzige Möglichkeit, Abgeordneter zu werden. Sie müssen sichtbarer sein als alle anderen und lassen sich den Wahlkampf besonders viel kosten.

Die Parteiführungen von CDU, CSU und SPD, die sich gerade überlegen, ob es noch einmal eine große Koalition geben soll, sind sich sehr bewusst darüber, dass die eigenen Abgeordneten aus wirtschaftlichen Gründen höchst dankbar wären, wenn dies klappen sollte. Öffentlich spreche natürlich keiner über seine persönlichen Sorgen, sagt ein CDU-Mann. Auch von der ZEIT wollten sich die befragten Abgeordneten nicht zitieren lassen. Bei vielen von ihnen und ihren Kollegen aber sei die Unruhe groß, versichern sie. Verschiedene Abgeordnetenvertreter hätten die Parteiführung bereits gebeten, Neuwahlen doch bitte nur dann zu unterstützen, wenn sie sich wirklich überhaupt nicht vermeiden ließen.

Etwas 50.000 Euro, schätzt ein Parteimann, betrage das durchschnittliche Wahlkampfbudget eines Unionskandidaten. Er wisse aber auch von Abgeordneten, die 120.000 Euro aufgebracht hätten; die Geldmenge hänge davon ab, wie umkämpft das Mandat sei, wie knapp es für den Abgeordneten aussehe, wie dringend ihm der Sieg erscheine. In der Regel müsse man etwa ein Drittel der Kosten selbst stemmen. 20.000 Euro – das sei die Regel, nicht die Ausnahme.

In der SPD ist die Abhängigkeit vom Direktmandat deutlich geringer. In Wahlkreisen mit realistischen Chancen auf einen Sieg geben auch die Genossen jedoch schon einmal 60.000 Euro oder mehr für ihre Kandidatur aus. Auch bei ihnen stamme dann etwa ein Drittel aus Privatmitteln, berichten sie. Was an Festgeld fehlt, überbrückt mancher mit einem Kredit von der Bank. In der SPD erwartet man von vielen Parlamentariern außerdem, dass sie über die Amtszeit Rücklagen bilden, aus denen sie den nächsten eigenen Wahlkampf mittragen.

Die wenigsten Wähler wissen, dass die Wahlkampfbudgets der Bundesparteien – bei der letzten Wahl waren es 24 Millionen Euro bei der SPD, 20 Millionen bei der CDU – fast ausschließlich für die bundesweiten Kampagnen gedacht sind. Die Wahlkreiskandidaten hingegen müssen selber sehen, wie sie zurechtkommen.

Der Wahlkampf der SPD-Kandidaten wurde bei der letzten Bundestagswahl immerhin mit je 5.000 bis 7.000 Euro aus der Parteizentrale bezuschusst, heißt es von dort. Die CDU-Kandidaten erhielten vom Konrad-Adenauer-Haus dagegen ausschließlich beim Design ihres Werbematerials Hilfe. Die lokalen Wahlkampfkosten – Plakatierung, Flyer, Stände, Auftritte – müssen Unionskandidaten gemeinsam mit ihren Ortsvereinen stemmen, die sich wiederum über Mitgliederbeiträge finanzieren.

Bei der Union wie bei der SPD gibt es auch Ortsvereine, die ihren Kandidaten für den Wahlkampf Geld geliehen haben – in der Hoffnung, es über die Parteienfinanzierung wieder reinzukriegen. Was nicht immer gelingt. Einige Vereine sind tief verschuldet.

Zu den Geldern aus den Ortsvereinen kommen zwar noch Spenden. Doch meistens, das sagen die Kandidaten aller Parteien, handele es sich um kleine Beiträge, oft auch von Leuten, für die eine Spende von 50 bis 100 Euro eine beträchtliche Summe darstelle. "Einen Kollegen, der eine Spende von 10.000 Euro erhalten hätte – den müssten Sie schon mit der Lupe suchen", sagt ein CDU-Abgeordneter. Die Lust, die kleinen Spender noch einmal um einen Beitrag anzuhauen, sei bei ihm wie bei vielen Kollegen gering, berichtet er. Zumal vielerorts gerade erst Landtagswahlen bestritten wurden oder demnächst zu bestreiten sind, bei denen ebenfalls Spenden gefragt sind.

Mit hohen Wahlkampfkosten haben indes nicht nur die Vertreter der Volksparteien zu kämpfen. Selbst in der FDP – der einzigen Bundestagspartei, die im September kein einziges Direktmandat erringen konnte – gebe es kaum einen Kollegen, der nicht mindestens 5.000 Euro aus der eigenen Tasche investiert habe, sagt ein Abgeordneter. Manche hätten auch 30.000, ja 40.000 Euro aufgebracht. "Selbst wenn man keine Chance auf ein Direktmandat hat, muss man sich ins Zeug werfen", sagt er. "Sonst glaubt der Wähler, man meint es nicht ernst."