Die Ära Trump, die der New York Times neuen Ruhm und wirtschaftlichen Erfolg verschafft, begann für das Weltblatt mit einer eklatanten Fehleinschätzung. Noch am Wahltag, dem 8. November 2016, sagte die New York Times mit 84-prozentiger Wahrscheinlichkeit den Sieg von Hillary Clinton voraus. So wie sich die Zeitung schon im Frühjahr zuvor geirrt hatte, als sie schrieb, Donald Trump habe nicht den Hauch einer Chance, überhaupt Präsidentschaftskandidat der Republikanischen Partei zu werden.

Das imposante, gläserne Hauptquartier der New York Times in Manhattan ist ein Ort berüchtigter großer Egos. Doch in den Tagen nach Trumps Wahl traf man auf den Fluren auf eine zerknirschte Redaktion, die hart mit sich ins Gericht ging. Man sei zu arrogant gewesen, hieß es fast kleinlaut, und habe es sich in seiner linksliberalen Echokammer bequem gemacht.

In einem viel beachteten Kommentar beklagte der New York Times-Kolumnist Jim Rutenberg, sein Blatt habe die Trump-Welt ausgeblendet, die "hochkochende Wut" der Leute, "die sich von Handelsverträgen betrogen sehen und missachtet fühlen vom Washingtoner Establishment, von der Wall Street und den Mainstream-Medien". An diesem wirklichkeitsblinden Journalismus, so Rutenberg, "ist etwas fundamental kaputt". Und Kolumnist Nicholas Kristof schrieb: "Wir Medien haben nicht tief genug gebohrt ... und wir haben die notwendige Sorgfalt außer Acht gelassen."

Mit Donald Trump zog zudem ein Präsident ins Weiße Haus, für den die Unwahrheit nicht nur als Notlüge dient, sondern ein gezieltes Mittel zur Wahrheitszerstörung ist. "Wie jeder Autokrat", schrieb die New York Times nach seinem Wahlsieg, "gewinnt er das Vertrauen seiner Anhänger – nennen wir’s blindes Vertrauen – durch so häufige und derart schamlose Lügen, dass Millionen Menschen den Versuch aufgeben, zwischen Wahrheit und Unwahrheit zu unterscheiden."

Wie hält eine Zeitung dagegen? Wie können seriöse Journalisten fake news, alternative facts und Vertrauensschwund entgegenwirken und für Orientierung sorgen?

Die New York Times entschied sich, stärker zu den traditionellen journalistischen Tugenden zurückzukehren und noch konsequenter auf ihr 120 Jahre altes Credo zu setzen. "Without fear or favor" – "Furchtlos und unparteiisch" lautet der Leitsatz, seit Ahnherr Adolph Simon Ochs, Sohn deutsch-jüdischer Einwanderer, das vor dem finanziellen Ruin stehende Blatt 1896 gekauft hatte.

In der Ära Trump folgt aus dieser Handlungsmaxime für die New York Times zweierlei: Mehr Reporter als bisher hinaus ins Land schicken, recherchieren, Fakten sammeln, aufklären. Und außerdem Haltung zeigen, indem man zum Beispiel eine bewusste Unwahrheit des Präsidenten auch eine Lüge nennt.

Fünf Millionen Dollar investierte der Verlag, um weitere Journalisten anzuheuern, darunter zusätzliche fact checkers und solche mit einer investigativen Spürnase. Der Aufwand zahlt sich aus. Es ist eine Ironie der Geschichte: Ausgerechnet Donald Trump hat der New York Times, mit der ihn eine Art Hassliebe verbindet und die er am liebten zerschlagen würde, neuen Aufschwung beschert, inhaltlich und wirtschaftlich.