Zehntausend Bonuspunkte. Damit wollte die Bahn im Herbst ihre Kunden zum Wechsel des Stromanbieters motivieren. Vielfahrer verstehen auf Anhieb, was das bedeutet: Für zehntausend Bonuspunkte gibt’s entweder zehn bundesweite Freifahrten in der zweiten oder mindestens sechs in der ersten Klasse. Jeweils pro Strecke. So gesehen, schien das Angebot, zum Stromanbieter DB-Energie-GmbH zu wechseln und auf den von ihr gelieferten Ökostrom zu setzen, durchaus attraktiv zu sein.

Die Bahn macht weitere Versprechen, zum Beispiel verspricht sie Reisenden in ihrer Bahncard-Broschüre, dass sie "mit jeder BahnCard in allen Fernverkehrszügen innerhalb Deutschlands mit 100 % Ökostrom reisen" können.

Doch wer in die Details des Stromanbieter-Wechsel-Deals einsteigt, stolpert relativ schnell über Widersprüche. Denn der Grundgedanke für ein grünes Leben, möglichst wenig Energie zu verbrauchen, wird bei diesem Angebot vernachlässigt. Im Vordergrund steht stattdessen die scheinbar logisch klingende Idee, möglichst viel Nachfrage für erneuerbare Energie zu erzeugen, um auf diese Weise die Energiewende zu beschleunigen.

So erhielt beispielsweise ein Zweipersonenhaushalt bei einem Jahresstromverbrauch von sparsamen 2.000 Kilowattstunden und einem zwei Jahre geltenden Strom-Abonnement lediglich 3.750 Bahn-Bonuspunkte, während bei einem doppelt so hohen Verbrauch von 4.000 Kilowattstunden bereits 4.500 Bonuspunkte gutgeschrieben werden (zusätzliche 5.000 Bonuspunkte waren an den Vertragsabschluss bis Ende November gekoppelt).

Dass dabei lediglich Ressourcen verbrauchendes graues Wachstum durch Ressourcen verbrauchendes grünes Wachstum ersetzt wird – ohne eine kluge Verhaltensänderung beim Energiekonsum zu fördern –, steht nicht zur Debatte. Ein Sprecher der DB Energie vermag daran "nichts Verwerfliches" zu erkennen. So seien "nun mal die Gesetze der Energiewirtschaft". Der Punkt sei vielmehr, betont der Sprecher: "Alle bekommen Ökostrom."

Die Nachfrage nach Ökostrom zu steigern reicht nicht

Nach Ansicht von Tanja Gaudian sollte es allerdings um mehr gehen als um die bloße Steigerung der Nachfrage an erneuerbarer Energie. Die Sprecherin der Elektrizitätswerke Schönau (EWS), des ersten Ökostromanbieters Deutschlands, weist darauf hin, dass es vor allem um Anreize zum Strom sparen gehen müsse. Deshalb verschenkt die EWS auch "keine Ökostrom-Gutscheine und gewährt auch keine Rabatte für Inhaber von Elektroautos", betont Gaudian. "Strom hat für uns eine Wertigkeit, und die muss deutlich werden." Darüber hinaus sei es einfach "Unsinn, immer noch mehr energiesparende Geräte im Haushalt zu betreiben", so Gaudian. Dies führe nicht "zu einer Verringerung des Stromverbrauchs, sondern bestenfalls zu einem gleichbleibend hohen".

In anderen Branchen wie etwa der Fliegerei kennt man diesen Effekt. Zwar ist es durch den Einsatz sparsamerer Triebwerke gelungen, den Kerosinverbrauch pro Passagierkilometer zu senken, doch durch die stetige Steigerung der Passagierzahlen ist das vorgeblich umweltbewusste Fliegen längst zur Farce geworden.