Ötzi selbst spielt den Ötzi. Beim zerzausten Mittvierziger auf der Leinwand muss es sich um den aufgetauten, wiederbelebten Original-Ötzi handeln. Oder ist Jürgen Vogel sein Wiedergänger? Zumindest werden Eismann und Schauspieler in Zukunft optisch nicht mehr zu trennen sein. Allein Vogels Gebiss ist so einmalig vorgestrig, dass wir nie mehr an Ötzi denken werden, ohne Vogel zu sehen, mit lückiger Zahnstellung, Knopfaugen und Bart. Die Gletschermumie steht in einer Reihe mit anderen Figuren, die dank der Verfilmung ihrer Geschichte ein Gesicht für die Ewigkeit bekommen haben. Winnetou sah aus wie Pierre Brice. Und nun Ötzi wie Vogel.

Die geniale Besetzung der Hauptrolle sorgt für Authentizität. Des Weiteren darf man vom "Mann aus dem Eis" nicht zu viele Exaktheiten erwarten. Der erste Spielfilm, der das Schicksal Ötzis erzählt, ist selbstverständlich Fiktion. Sein Plot folgt dem bewährten Muster alter Western – Gewaltverbrechen zu Beginn, Rachefeldzug in der Folge.

Dass keiner weiß, wer Ötzi war, ist für Drehbuchautoren ein Glück, schließlich bieten Leerstellen Gelegenheit, sie kreativ auszufüllen. Im Film geht der Eismann auf eine Heldenreise à la Hollywood. Mehr sei vom Handlungsstrang nicht verraten.

Wie realistisch aber ist das üppige religiöse Beiwerk? Die Szenen, in denen Ötzi wie ein Heiliger spirituelle Berufung zelebriert, nehmen kein Ende – Beerdigungen, Geburt mit Muttertod, eine Art Taufe. Dann geht es zentral auch noch um einen geheimnisvollen Schrein, den Heiligen Gral von Ötzis Sippe.

Für nüchtern denkende Zuschauer ist die Spiritualität des Films kaum auszuhalten. Der Produzent jedoch, Jan Krüger, hält sie für wissenschaftlich erhärtet. "Das Kultische hat in dieser Zeit schon eine große Rolle gespielt", sagt er. Die Forschung gehe davon aus, dass "Ötzi einen höheren Status in seiner Sippe hatte und er wahrscheinlich eine Art Schamane war". Im esoterischen Grundrauschen seines Werks sieht Krüger gar die Verbindung zwischen Ötzi-Zeit und Gegenwart: "Schließlich spielen Religion und Glaube nach wie vor eine wichtige Rolle."

In Wahrheit gibt es keinen Beweis für Religiosität im Leben des Eismanns. Wissenschaftlich verbürgt ist sein Ende in der Kupferzeit. Er wurde hinterrücks angeschossen, verblutete im Eis und kam 5.250 Jahre später, am 19. September 1991, am Tisenjoch in den Ötztaler Alpen wieder zum Vorschein. Seither vergeht kein Quartal ohne neuen Befund: Darmparasiten, Schuhgröße 38, Karies, im Magen Dörrfleisch vom Ziegenbock.

Zum Schamanen machen ihn weder medizinische Tattoos noch antibiotische Pilze in der Tasche. Im Spielfilm mag das egal sein. Drehbuchautoren genießen künstlerische Freiheit. Wie aber geht die Archäologie mit wissenschaftlichen Befundlücken um? Schaut man sich ihre Erkenntnisse genauer an, stößt man auf einen Erfindungsreichtum, der dem der Filmkünstler in nichts nachsteht. Auch die Altertumswissenschaft pflegt die Tradition, Kultisches zu entdecken, wo es nichts zu sehen gibt. Dies mag ein zutiefst menschlicher Zug sein: Seit je neigt unsere Spezies dazu, nach Antworten zu suchen und spirituelle Behelfserklärungen zu liefern, wo das Wissen knapp ist – so entstanden Religionen. Von Forschern jedoch darf man erwarten, dass sie Kurzschlüsse beim Interpretieren von Zeit zu Zeit hinterfragen.