Der Tempel von Dendur gehört zu den großen Kunstschätzen im New Yorker Metropolitan Museum of Art. Für die 2.000 Jahre alte ägyptische Kultstätte baute das Museum eigens einen gläsernen Anbau. Benannt wurde er nach den Spendern: den Sacklers. Man stößt weltweit in Museen auf diesen Namen. Es gibt einen Sackler-Flügel im Louvre in Paris, ein Sackler Center im Guggenheim Museum, ein Sackler-Museum für Kunst und Archäologie in Peking und eine Sackler-Treppe im Jüdischen Museum in Berlin. Die Sacklers finanzieren außerdem Fakultäten, Lehrstühle und Vorlesungsreihen an Eliteuniversitäten.

Kaum ein Besucher dieser Universitäten und Museen dürfte den Namen Sackler jedoch mit jenen apokalyptischen Bildern in Verbindung bringen, die seit einigen Jahren aus den USA an die Öffentlichkeit dringen: Bilder von Drogentoten. Laut der Gesundheitsbehörde CDC sterben in den USA pro Tag mehr als 90 Menschen an einer Überdosis Heroin oder anderen Opioiden (siehe Kasten). Viele dieser Toten rutschen über Schmerzmittel in die Sucht. Mittel, wie sie die Sacklers seit Jahrzehnten produzieren – und deren Risiko sie offenbar lange verharmlosten.

Drei Generationen von Sacklers sind an einem internationalen Geflecht aus Pharmafirmen beteiligt, deren Bestseller ein Schmerzmittel namens Oxycontin ist. Kritiker machen Oxycontin maßgeblich mitverantwortlich für die nie dagewesene Zahl von Drogensüchtigen und Drogentoten. Das Medikament wurde 1996 in den USA eingeführt. Es ist nicht das einzige Schmerzmittel, das missbraucht wird. Aber die Sacklers haben eine führende Rolle auf dem Markt – und der ist seither gewaltig gewachsen. Im Vergleich zu Mitte der Neunziger werden Schmerzmittel in den USA heute viermal so häufig verschrieben, mehr als 180.000 Amerikaner starben bereits, weil sie von den Pillen abhängig wurden.

Oxycontin wird zum Bestseller, auch weil die Firma behauptet, die Suchtgefahr sei gering

Oxycontin hat die Sacklers reich gemacht. Nach Berechnungen des Wirtschaftsmagazins Forbes gehören sie mit einem Vermögen von rund 13 Milliarden Dollar zu den wohlhabendsten Dynastien der USA. Nach Branchenschätzungen hat Purdue Pharma mit Oxycontin 35 Milliarden Dollar Umsatz eingefahren. Das Unternehmen wollte das auf Anfrage der ZEIT nicht bestätigen.

Gegründet wurde das Pharmaimperium in den fünfziger Jahren von drei Brüdern: Arthur, Raymond und Mortimer Sackler. Sie waren die Söhne jüdischer Einwanderer aus Polen, die im New Yorker Arbeiterviertel Brooklyn einen Lebensmittelladen betrieben. Alle drei Brüder studierten Medizin. In der Klinik beschäftigten sie sich später mit den biologischen Ursachen für seelische Erkrankungen – die Grundlage für ihren späteren Geschäftserfolg. Arthur, der älteste, hatte ein Talent für Marketing und arbeitete für eine Werbeagentur, die er später übernahm. Er hatte die bahnbrechende Idee, mit Anzeigen in medizinischen Fachblättern für verschreibungspflichtige Medikamente zu werben. Er gewann renommierte Ärzte, die das Produkt empfahlen, und bezahlte Studien, mit deren positiven Ergebnissen er ebenfalls Werbung machte. Zu seinem größten Erfolg gehörte eine Kampagne in den sechziger Jahren – für Valium, ein Beruhigungsmittel des Schweizer Herstellers Roche. Das Mittel wurde vor allem Frauen verschrieben, um eine Reihe von Beschwerden von Sodbrennen bis Schlaflosigkeit zu behandeln. "Mother’s Little Helper" wurde so bekannt, dass die Rolling Stones die Pillen besangen und einen Top-Ten-Hit landeten. Valium wurde in den folgenden Jahrzehnten zum meistverschriebenen Medikament – und brachte als erstes verschreibungspflichtiges Mittel überhaupt mehr als eine Milliarde Dollar Umsatz ein.

Weil Valium schnell süchtig macht, endete der Boom in den siebziger Jahren. Aggressives Marketing aber war früh an ein Markenzeichen der Sacklers.

1952 übernahmen die Brüder eine kleine Firma namens Purdue Frederick, die unter anderem Abführmittel vertrieb. Die Sackler-Brüder waren ambitioniert, berichtet ein Kenner der Familie: "Ziel war es, in die Liga der großen Pharmakonzerne vorzustoßen." Sie entwickelten eine Morphium-Pille, die 1987 eingeführt wurde, für Patienten mit Krebs im Endstadium. Durch eine neuartige Technologie gab sie ihren Wirkstoff über einen längeren Zeitraum ab.

Ein Milliardenmarkt für die Pharmaindustrie

Zu dieser Zeit ereignete sich in der amerikanischen Medizinwelt eine Art Revolution, die den Sacklers zugute kam. Eine Gruppe von Ärzten und Wissenschaftlern forderte, dass nicht nur Krebskranken, sondern auch Patienten mit chronischen Schmerzen mit Medikamenten geholfen wird. Patientenverbände, oft unterstützt von Pharmafirmen wie Purdue, lobbyierten erfolgreich für eine Änderung der strengen Verschreibungspraktiken. Für die Pharmaindustrie tat sich ein Milliardenmarkt auf. Purdue arbeitete mit Hochdruck an einem neuen Produkt, um daran teilzuhaben. Die Sacklers entwickelten Oxycontin, ein Mittel, das nicht mehr auf Morphium basierte, sondern auf dem Wirkstoff Oxycodon, einem Opioid. Die Substanz war bereits 1916 von deutschen Forschern entwickelt und unter dem Namen Eukodal von Merck vertrieben worden; Hitler bekam es von seinem Hausarzt verschrieben. 1990 wurde Eukodal vom Markt genommen – wegen Suchtgefahr.

Das sechs Jahre später zugelassene Oxycontin aber wurde zum Bestseller, angeschoben von einer riesigen Werbekampagne. Purdue verdoppelte die Zahl seiner Vertreter auf 670, lud Tausende Ärzte, Krankenschwestern und Apotheker zu Konferenzen ein. Hunderte Millionen flossen in Vermarktung und Vertrieb der Pillen. Nicht einmal fünf Jahre nach der Einführung fuhr das Mittel eine Milliarde Dollar Jahresumsatz ein. Bis heute dominiert Purdue den US-Markt für "pain killer"-Schmerztzabletten.

Der Erfolg hatte auch damit zu tun, dass Purdue behauptete, die Suchtgefahr von Oxycontin sei niedriger als bei anderen Mitteln. Hilfreich war dabei, dass die Pharma-Aufsichtsbehörde FDA einen Hinweis auf dem Beipackzettel genehmigte, der besagte, durch eine verlangsamte Abgabe des Wirkstoffes sei die Pille weniger gefährlich. Der Beamte, der die Zulassung beaufsichtigte, verließ die FDA 1997. Knapp zwei Jahre später trat er eine Stelle bei Purdue an.

Der Mechanismus, der die Abgabe des Wirkstoffs verlangsamte, lässt sich einfach außer Kraft setzen: Man muss die Tabletten nur zermahlen, um ein schnelles High zu bekommen. Richard Blumenthal, damals Generalstaatsanwalt des Bundesstaates Connecticut, schrieb im Sommer 2001 an Purdue, er sei alarmiert angesichts der vielen Oxycontin-Süchtigen und bitte darum, das Marketing für das Mittel zu ändern. Der Generalstaatsanwalt richtete sein Schreiben damals an Richard Sackler, den Sohn von Raymond Sackler, einem der drei Gründer-Brüder. Richard trat 1971 ins Management von Purdue ein, 1999 wurde er Präsident des Familienunternehmens. Wie sein Vater und seine Onkel studierte er Medizin. Als Purdue seine Praktiken nicht änderte, verklagte der Generalstaatsanwalt das Unternehmen. Im Mai 2007 wurde die Klage, der sich 25 weitere Bundesstaaten angeschlossen hatten, durch einen Vergleich beigelegt, Purdue musste 19,5 Millionen Dollar zahlen. Parallel dazu lief ein Verfahren gegen das Unternehmen auf Bundesebene. Darin gestand Purdue, es habe "irreführendes Marketing" betrieben und fälschlich behauptet, Oxycontin mache seltener süchtig als die Konkurrenzprodukte und löse weniger Entzugserscheinungen aus. Purdue musste 600 Millionen Dollar zahlen – damals eine der höchsten Strafen, die ein Pharmaunternehmen je zahlen musste. Drei Manager von Purdue bekannten sich damals schuldig. Richard Sackler war nicht darunter.

2010 änderte Purdue die Formel für Oxycontin so, dass es für Abhängige sehr aufwendig wurde, den Wirkstoff herauszulösen. Viele wechselten daraufhin zu Heroin. Ein Unternehmenssprecher sagt heute, Purdue habe die Verantwortung für Taten übernommen, die vor über 15 Jahren von einigen Angestellten begangen und 2007 Gegenstand des Bundesverfahrens waren. Seither sei das Unternehmen führend bei der Entwicklung von Medikamenten, die Missbrauch verhindern sollen. Außerdem unterstütze Purdue Präventivmaßnahmen, zum Beispiel ein Programm, das Polizisten mit Naxolon ausstattete, eine Substanz, die als Gegenmittel bei einer Überdosis eingesetzt werden kann.

Bundesstaaten klagen gegen die Firma der Sacklers wegen irreführenden Marketings

Richard Sackler, heute 72 Jahre alt, war lange die treibende Kraft in dem Familienunternehmen. Er trat 2003 als Präsident des Unternehmens zurück, blieb aber im Aufsichtsrat. Ein ehrgeiziger und brillanter Kopf, so ein langjähriger Mitarbeiter, dem jedoch das Gespür fürs Management abgehe. Oxycontin sei nicht das Produkt strategischer Forschung gewesen, sondern das Ergebnis von Tüftelei. "Der Erfolg war wie eine Rakete, über deren Abheben sich alle freuten, ohne zu fragen, wohin die Reise gehen sollte", sagt der Insider über die Familie Arthur Sackler. Der Gründer-Bruder mit dem Werbetalent starb 1987. Seine Erben verkauften ihre Firmenanteile an die anderen Gründer-Brüder, an Raymond und Mortimer. Raymond starb im Juli dieses Jahres, 97-jährig. Er sei ein "außergewöhnlich warmherziger und großzügiger Mensch" gewesen, lobte ihn Phillip Sharp, ein Professor und Nobelpreisträger am renommierten MIT in einem Nachruf. Raymond Sackler und seine Frau Beverly hatten dem Institut großzügig gespendet. Andere Sacklers kümmern sich um die Förderung von Schulkindern. Mit der Drogenkrise aber und der Rolle, die Oxycontin dabei gespielt hat, jene Pille, die den Sackler-Clan reich gemacht hat, hat sich bis heute kein Mitglied der Familie öffentlich auseinandergesetzt. Die Sacklers wollten auf Anfrage der ZEIT keine Stellung nehmen. Das Drogenproblem sei komplex, es bedürfe "vieler verschiedener Gruppen, um es zu lösen", sagt der Firmensprecher.

Womöglich müssen sich die Sacklers aber doch noch der Verantwortung stellen. Es droht eine neue Klagewelle. Immer mehr Bundesstaaten – Alaska, Ohio, Oklahoma, New Hampshire, New Jersey, Louisiana, Washington sowie die Stadt Seattle – haben in den vergangenen Wochen Klagen eingereicht. Der wichtigste Vorwurf: irreführendes Marketing.