Einmal ging eine Regierungsbildung schief, und sofort flackerten Ängste vor einer instabilen Republik umher. Deswegen öffneten sich noch vor Weihnachten die Flügel des bundesdeutschen Stabilitätsaltars, und natürlich ist darin immer wieder dasselbe zu sehen, das, was deutsche Politik vorzeigt, wenn sie Grundruhe ausstrahlen möchte: In Parlament und Regierung bildet sich die Mehrheit der Bevölkerung ab, und der richtige, der breite politische Wille kommt schon zur Geltung. Unabhängig von Merkels Mehrheitsnöten hatte man auch Jamaika als getarnte Fortsetzung der großen Koalition ansehen können, als ein Bündnis, welches das breitestmögliche Spektrum repräsentieren wollte. Von Lindner bis Trittin, irgendwie waren alle drin.

Aber im Parlament sitzt ja nicht die Gesellschaft. Was deren Zustand anlangt, ist von Groko keine Rede: Die Gutsituierten schickten ihre Kinder auf Internate, sie seien so selbstzufrieden, heißt es, dass die weniger Begünstigten fast ein Recht hätten, fremdenfeindlich zu wählen. Eine andere Wahrheit besagt, dass es der Osten nicht in die Bundesrepublik geschafft habe, trotz Entwicklungshilfe und Transfermilliarden, schade. Fliehkräfte zerrten an uns, heißt es weiter, die reichten viel tiefer als Politik: der Zorn der Resignierten und der kulturell Heimatlosen, der Abstiegskampf der Mittelklassen, darüber die "liberalen Eliten" schwebend, hochmoralisch, sich aber ihrer Interessen stets bewusst. Es ist das Panorama einer auseinanderstrebenden, ja zerfallenden Gesellschaft.

Ein wohlhabendes, globalisiertes Land mitten in Europa droht an seinen Differenzen irrezuwerden, die lange Jahre als Beweis von Vielfalt und Freiheit galten. Der bundesdeutsche Pluralismus ist heute kein Multikulturalismus mehr, sondern fühlt sich inzwischen an wie eine Krankheit zum Tode der Demokratie. Und was dagegen aufgeboten wird, ist nicht etwa eine Verteidigung der radikalen Vielfalt, sondern die Beschwörung von Einheit mit besonderem Nachdruck. Die Einheit beschwören die Linken, als hätte es irgendwann einmal ein Optimum der Verteilungsgerechtigkeit gegeben, das vom Neoliberalismus aufgestört wurde. Eine noch ältere Einheit beschwören Konservative mit ihrer "Leitkultur", als wäre das konfessionelle Biodeutschland mit Kehrwoche das Paradies gewesen. Die einfachste – und für manche auch plausibelste – Version der Einheit präsentiert derzeit natürlich die AfD: das Volk.

"Das Volk" ist ein Klassiker, wenn auch seit 1945 nicht unbedingt ein Erfolgsmodell. Man kann die Rede vom "Volk", das jetzt aus einem Schattendasein oder einem Exil zurückgeholt werden soll, mit Argumenten kontern: Das Volk bleibt immer ein Spuk, selbst wenn seine Idee so überzeugend und naheliegend zu sein scheint, denn niemand kann abschließend sagen, wer genau dazugehört und ab wann. Die Identität des Volkes ist nicht zu fixieren, sie ist ein unabschließbarer Prozess. Sind 200.000 Zuwanderer in Ordnung oder 100.000, aber deren Familien nicht mehr? Das Tor ganz zu? Und geht das in einem EU-Land, das ökonomisch auf Zuwanderung angewiesen bleibt? Wer ist überhaupt legitimiert, die Grenzlinien des Demos zu ziehen? Das Versprechen auf nationale Zentrierung beantwortet diese Fragen nicht. "Einheit" ist kein praktizierbares politisches Programm.

Allerdings ist auch der Pluralismus kein Programm. Pluralismus ist ebenso wenig das Ziel der Demokratie oder ihre vornehmste Errungenschaft, sondern lediglich ein historischer Zustand, der anzeigt, dass die demokratischen Einrichtungen funktionieren. In pluralen Verhältnissen findet idealerweise ein jeder irgendeine politische Repräsentation und seinen kulturellen Ausdruck. Der Pluralismus konfrontiert mit der unbehaglichen Idee, dass eine spätmoderne Gesellschaft kein Zentrum hat und auch nicht von weisen Politikern in die Richtung des Guten gelenkt wird. Vielmehr ist diese Gesellschaft insgesamt ein ungeregelter, sich selbst vorantreibender, vernunftloser und wertneutraler Prozess, der nur deswegen immer wieder an der Katastrophe vorbeigeschrammt ist, weil in ihm ein paar grundlegende Regeln gelten.

Pluralismus ist ein vorpolitisches Geduldsspiel: Dauernd wirst du belästigt, darfst aber nicht ausrasten. Das Leben gemeinsam mit anderen Körpern, Identitäten, Ideen ist ewige Drangsal: Die Differenz, das Andere kommt ja nicht als gut gelaunte Dragqueen um die Ecke, sondern als Miesepeter, der nur eine Hundekrawatte besitzt, früher einmal ein Konservativer war und nun auf dem Weg ist, ein Völkischer zu werden. Das Andere ist nicht der Syrer, sondern der pöbelnde Dresdner. Was der Pegida-Sachse anders sieht, dem Merkel und die selbstgerechten Medien Dornen im Auge sind. Es ist nicht falsch, angesichts dieser Umstände zivilisiertes Verhalten zu fordern.

Bloß ist das gute Benehmen nicht der Ursprung, in dem alles gründet, es ist nicht das Wahre und Gute, sondern höchstens ein Verhalten, das sich irgendwann eingespielt hatte, das vielleicht leidlich funktionierte und dessen Grenzen vom Strafrecht gezogen werden. Dazu zählen auch Üblichkeiten, die nicht immer und direkt einklagbar sind, wie beispielsweise die Verhältnismäßigkeit der politischen Rede oder die Verantwortung gegenüber Deutschlands Vergangenheit.