Vor drei Wochen erreichte der Kampf um die Wahrheit in Amerika eine neue Stufe. Es war eine Falle, und sie war für die Washington Post gedacht gewesen. Am 9. November hatte die Zeitung einen Artikel veröffentlicht, in dem mehrere Frauen dem republikanischen Senats-Kandidaten Roy Moore aus Alabama vorwarfen, sie als Minderjährige oder Heranwachsende zu sexuellen Handlungen verleitet zu haben.

Die Geschichte barg erheblichen politischen Sprengstoff. Denn Moore bewirbt sich um den vakanten Senatssitz von Justizminister Jeff Sessions. Er ist ein strammer Trump-Unterstützer. Stephen Bannon, der ehemalige Berater des Präsidenten und Chef des rechtsradikalen Online-Portals Breitbart hatte lautstark für ihn geworben. Für das Trump/Bannon-Lager war der Artikel der Washington Post daher eine politisch motivierte Attacke. Die Vorwürfe lagen über 30 Jahre zurück, und Moore bestritt sie. Der Bericht offenbarte nach Meinung Bannons und Trumps wieder einmal die liberale Agenda der von ihnen verachteten "Mainstream-Medien".

Die sorgfältig recherchierten Vorwürfe zu entkräften war jedoch gar nicht so leicht. Denn die Glaubwürdigkeit der Frauen wurde durch diverse Zeugen, denen die Frauen die Vorfälle schon früher erzählt hatten, untermauert. Selbst viele Republikaner waren von den Anschuldigungen überzeugt.

Die Zeit drängte, denn am 12. Dezember findet die Nachwahl um den Senatssitz statt, und obwohl Moore immer noch eine große Unterstützung im konservativen Alabama hat, scheint der Sieg nicht mehr ganz so sicher. Eine Falle wurde gelegt: Die Washington Post-Reporterin, die über die Anschuldigungen berichtet hatte, erreichte kurz nach dem Erscheinen ihres Artikels eine E-Mail, in der eine Frau behauptete, als Minderjährige mit Roy Moore geschlafen zu haben. Sie sei schwanger geworden, und Moore habe sie zur Abtreibung gezwungen.

Attackiere nie die Schwäche deines Gegners, sondern seine Stärke! So lautete eine Maxime des konservativen Politikberaters Karl Rove, die sich sehr bewährt hat. Die Stärke der Washington Post ist ihre Glaubwürdigkeit.

Die Frau, die die E-Mail geschickt hatte, arbeitete für Project Veritas, eine rechte Organisation mit einem irreführenden Namen. Denn ihr geht es mitnichten um die Wahrheit, das Ziel der Organisation ist es, liberale Institutionen bloßzustellen. Project Veritas nennt seine Mitarbeiter "Undercover-Reporter", was an die Methoden von Günter Wallraff erinnert. So wie dieser als verdeckter Reporter vornehmlich rechte Positionen und Institutionen entlarvte, versucht Project Veritas das mit linken.

Die Mitarbeiter nennen sich Reporter, ihre Arbeit erinnert an die von Agenten

Der Verein schleuste ihre Leute in die Gesundheitsorganisation Planned Parenthood ein, die auch Abtreibungen vornimmt. Sie schickte sie zu Mitarbeitern von Hillary Clinton, zum liberalen Milliardär George Soros und zur liberalen Bürgerrechtsorganisation Acorn. Von den Gesprächen, die die "Reporter" dort führten, wurden jeweils heimlich Videos gedreht, von denen eine kompromittierende Auswahl anschließend zusammengeschnitten und veröffentlicht wurde.

Anders als Wallraff begnügen sich die Mitarbeiter von Project Veritas nicht damit, teilzunehmen und zu beobachten, sondern sie versuchen, bestimmte Reaktionen zu provozieren. Die Methode erinnert mehr an Agenten als an Reporter. Mit den Mitarbeitern von Hillary Clinton haben sie während des Wahlkampfes darüber gesprochen, bezahlte Unruhestifter in eine Trump-Veranstaltung zu schicken. Genau dieser Vorwurf war nämlich umgekehrt Trump immer wieder gemacht worden.