Einen Moment lang sah es so aus, als könnte Europa schweben. Emmanuel Macron war gerade Präsident geworden, auch in den Niederlanden hatten EU-Freunde die Wahl gewonnen. Und in Deutschland, so die Erwartung damals, könne ohnehin nichts schiefgehen, jedenfalls nicht aus europäischer Sicht. In immer mehr Städten in immer mehr Ländern versammelten sich immer mehr Menschen unter dem blauen Sternenbanner der Europäischen Union. Fröhlich, singend, diskutierend. Jeden ersten Sonntag im Monat, immer um 14 Uhr.

Einen Moment lang sah es im Frühsommer 2017 so aus, als hätte sich die Hoffnung von Daniel und Sabine Röder erfüllt. "Europa darf nicht scheitern" lautet der erste von zehn Grundsätzen der Initiative Pulse of Europe, die die beiden Juristen ein halbes Jahr zuvor mit einer Handvoll Gleichgesinnter in Frankfurt am Main gegründet hatten. "Wir wollten nicht zusehen, wie unser schönes Europa den Bach runtergeht", beschreibt Daniel Röder, 45, die Ausgangslage im November 2016. Die Briten hatte für den Brexit gestimmt; nach der Wahl von Trump drohten auch in Europa Nationalisten an die Macht zu kommen. Marine Le Pen in Frankreich etwa oder Geert Wilders in den Niederlanden. Die Röders wollten diesen Kräften etwas entgegensetzen – ein Zeichen, eine Emotion. Vor allem: etwas Konstruktives.

200 Menschen an einem Novembersonntag in Frankfurt, so ging es los. Schnell wurde aus der Idee eine Initiative, aus der ersten Demonstration eine Bewegung. Im Frühsommer 2017 demonstrierten bis zu 70.000 Menschen in weit über hundert Städten für die Idee eines politisch geeinten, friedlichen Kontinents. In Lissabon und Kiew, in Stockholm und Tirana, innerhalb und außerhalb der EU.

Nun sind 70.000 Menschen zweifelsohne eine Menge, eine Massenbewegung ist es aber nicht, das räumt auch Röder ein. Europa sei eben trotz aller Bedeutung noch immer nicht "so fassbar", sagt er. Der Satz verweist sowohl auf das Verdienst der Initiative wie auch auf ihre Grenzen.

Pulse of Europe ist etwas gelungen, woran Heerscharen von PR-Agenten gescheitert sind: Sie haben die abstrakte Idee der EU mit Emotionen gefüllt und dem antieuropäischen Ressentiment ein straßentaugliches Gefühl entgegengesetzt. Kann man die EU lieben? Für die Union auf die Straße zu gehen, das sei "so seltsam, wie sich ›I love Aktenordner‹ auf den Oberarm zu tätowieren", wunderte sich die FAZ. Aber es geht offenbar.

Wie nun wollen die Röders und ihre Mitstreiter die Defizite beheben, die sie beklagen? Die Initiative ist bewusst überparteilich gehalten, konkrete Positionen etwa zur Währungsunion vermeidet sie. Ihr gemeinsamer Nenner sei die Absage an jede Form von Nationalismus, sagt Röder. Wem das zu vage erscheint, den verweist er an die Pulse-of-Europe-Aktivisten in Polen oder Ungarn. Dort ist das Bekenntnis zur Union, ihren Grundfreiheiten und Grundrechten, alles andere als unverbindlich. In Österreich regiert demnächst die FPÖ mit; in Tschechien hat ein EU-skeptischer Milliardär die Wahl gewonnen. Pulse of Europe wird auch 2018 weitermachen.