Man muss das Wort nur einmal laut aussprechen, schon wird man von einer gewissen Müdigkeit übermannt: große Koalition. Noch einmal. Die dritte Neuauflage des Alten. Man hört die Genossen schon klagen über eine Kanzlerin, die ihnen keine Erfolge gönnt, und man sieht Merkel, wie die Kritik an ihr abperlt und sie einfach weiterregiert. Bedächtig und gemächlich. Wie immer eben.

Aber stopp. Diese neue große Koalition könnte – sofern sie denn kommt – eine ganz andere sein. Ja, sie verspricht sogar Aufregung, Drama und Innovation.

Verantwortlich sind hierfür vor allem die äußeren Umstände, die diesem Bündnis seine Form geben. Dazu zählt zum einen die paradoxe Stärke der SPD. Da die Unionsparteien Neuwahlen dringend verhindern wollen, können die Sozialdemokraten wesentlich mehr fordern, als es einer 20-Prozent-Partei eigentlich zustünde. Das sorgt für potenzielle Spannungen in einem Bündnis, in dem die Abstoßungskräfte nach acht Jahren zunehmen dürften. So viel zum Thema Aufregung und Drama.

Zum anderen wären die kommenden vier Jahre die Ouvertüre für die Zeit nach Merkel. Das Ende einer Ära würde seinen Schatten auf diese große Koalition werfen und die Parteien in eine neue Lage zwängen: Beide müssten in dieser Regierung ihr Profil schärfen, auf den eigenen Themenfeldern Zukunftskonzepte entwickeln – und den Vorwurf entkräften, vier Jahre verschwendet zu haben. Und hierin liegt das Potenzial für Innovation. Was aber wären die Projekte für diesen letzten Akt der Merkel-Kanzlerschaft?

1. Macron entgegenkommen, ohne die Deutschen zu verprellen

Das vielleicht wichtigste Projekt müsste die nächste große Koalition gar nicht selbst anstoßen. Das hat bereits der französische Präsident Emmanuel Macron übernommen. Er hat im Sommer seine Pläne für ein "souveränes, vereintes demokratisches Europa" vorgelegt, mit einer gemeinsamen Terrorabwehr, einer gemeinsamen Armee und einem europäischen Finanzminister – und wartet seither auf Antwort aus Berlin.

Ein Jamaika-Bündnis ist unter anderem deshalb gescheitert, weil sich Union, Grüne und FDP nicht auf eine solche Antwort einigen konnten. Die Schnittmenge zwischen Union und SPD dagegen ist wesentlich größer. Martin Schulz würde Macron gern weit entgegenkommen, muss aber Rücksicht nehmen auf seine Partei. Die fürchtet nämlich, dass die Forderung nach "mehr Europa" von den Wählern letztlich als Wunsch nach mehr Zugriff auf deutsche Steuergelder und Sparguthaben verstanden wird. Angela Merkel wiederum hält im Grunde nicht viel von neuen Umverteilungstöpfen auf europäischer Ebene, sie weiß aber, dass auch Deutschland einen Preis wird bezahlen müssen, wenn Europa zusammengehalten werden soll.

Diese Interessenkonstellation sollte es der nächsten Regierung ermöglichen, Macron eine Antwort zu geben, die Europa weiterbringt. Sie könnte ein Bekenntnis zu mehr Zusammenarbeit in der Verteidigungspolitik und beim Schutz der Außengrenzen enthalten. Deutschland könnte Geld für Investitionen etwa im Kampf gegen den Klimawandel bereitstellen und einem Europäischen Währungsfonds zustimmen, der bei schweren Wirtschaftskrisen mit Notkrediten aushilft.