Je ungewisser die Gegenwart erscheint, desto größer wird die Versuchung, sich an der Vergangenheit festzuhalten. Etwa an der großen Koalition. Seit die Jamaika-Gespräche gescheitert sind, scheinen sich in Deutschland alle einig, vom Bundespräsidenten bis zur Bild-Zeitung: Das alte Regierungsbündnis muss das neue werden, wir wollen unsere Groko wiederhaben! Und zwar zack, zack, am besten noch vor Weihnachten. Nur die Sozis haben es mal wieder nicht verstanden. Auch Matthias Naß argumentierte vergangene Woche in der ZEIT, die SPD solle regieren, nicht jammern.

Man reibt sich die Augen. Wie schnell viele Kommentatoren wieder von Bunt (Jamaika) auf Grau (Groko) umschalten; wie beliebig die Maßstäbe sind, nach denen man der SPD mal dieses (Opposition), mal jenes (Regieren) empfiehlt; wie gering mittlerweile auch die Erwartungen an Merkel sind, Hauptsache, sie merkelt weiter – egal mit welchem Partner, egal mit welchem Programm. Vor allem aber wundert man sich, wie schnell die Argumente vergessen sind, die gestern noch gegen eine große Koalition sprachen.

Vier Jahre lang wurden sie gegen das Bündnis aus Union und SPD ins Feld geführt. Große Koalitionen tendieren zur Beharrung, nicht zur Veränderung. Sie verwischen die Gegensätze der politischen Hauptbewerber, statt sie zu konturieren, damit schwächen sie auf Dauer die Mitte und stärken die Ränder. Keines dieser Argumente ist obsolet geworden. Im Gegenteil, die Bundestagswahl hat sie auf dramatische Weise bestätigt. Das missratene TV-Duell zwischen der Kanzlerin und ihrem Herausforderer geriet zum Sinnbild für die Verklumpung der Mitte, viele Wähler haben den Auftritt als Kapitulation der Volksparteien empfunden. Das Ergebnis: Gemeinsam haben Union und SPD mehr als 13 Prozentpunkte verloren, dafür sitzen jetzt radikale Rechte im Parlament.

Gewiss, die Umstände haben sich im Vergleich zur vergangenen Legislaturperiode verändert. Die Opposition ist größer geworden, die große Koalition kleiner. Das Risiko, dass Union und SPD noch weiter an Zuspruch verlieren und die große Koalition sich gleichsam selbst abschafft, ist damit aber nicht gebannt.

Wer sagt denn, dass die beiden nicht noch weiter schrumpfen? Wie oft soll sich die SPD noch auf dem Altar des Vaterlandes opfern? Von wegen patriotische Pflicht: Eine große Koalition gefährdet langfristig die Stabilität, die sie kurzfristig verspricht. Die möglichen Folgen kann man in den Niederlanden studieren. Dort stürzten die Sozialdemokraten, bis dahin Juniorpartner in einer großen Koalition, bei der jüngsten Wahl ins Bodenlose, von 25 auf 5,7 Prozent.

Ausgerechnet die AfD, die nicht zuletzt durch die große Koalition groß geworden ist, wird nun als Argument für deren Fortsetzung ins Feld geführt. Müsste Merkel künftig eine Minderheitsregierung führen, schrieb Matthias Naß, hätten die Rechtspopulisten "ein neues Paradebeispiel für das Versagen der 'Systemparteien' ". Das mag so sein, aber das Gegenteil ist genauso richtig: Regieren Union und SPD gemeinsam weiter, wird die AfD ihnen vorwerfen, sie klebten an der Macht. Egal was die "Systemparteien" tun, die Populisten werden es gegen sie verwenden, das ist ihre Erfolgsformel. Der Hinweis auf die AfD spricht deshalb weder für noch gegen eine große Koalition. Die Populisten fallen als Argument aus.

Der Ruf nach einer großen Koalition verrät vor allem eines – einen Mangel an politischer Fantasie. Die zunehmende Zersplitterung des Parteiensystems spiegelt die veränderten, häufig konträren Interessen einer hochdifferenzierten Gesellschaft. Nichts deutet darauf hin, dass diese Entwicklung enden oder sich gar wieder umkehren könnte. Die Suche nach politischen Mehrheiten wird schwierig bleiben. Die Stabilität, von der die Befürworter einer großen Koalition träumen, kommt so schnell nicht wieder. Die Zeit, in der die Politik keine Experimente versprechen konnte, ist vorüber.

Was spricht daher gegen eine Minderheitsregierung? Merkel könnte noch eine Weile weiterregieren, müsste aber viel deutlicher als bisher sagen, was sie selber will. Die SPD könnte ihr die Unterstützung für zwei, drei große Projekte (Europa!) zusagen, ohne Merkels Macht noch einmal für vier Jahre zu betonieren. Und auch die Grünen und die FDP wären nicht einfach aus der Verantwortung entlassen.

So langweilig, wie es einmal war, wird es nicht mehr werden. Besser, man stellt sich darauf ein, als sich an das Vergangene zu klammern.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio