Andreas Wilfinger ist unausgeschlafen. An seinem weißen Hemd kleben noch die Fusseln der Flugzeugdecke. Um drei Uhr morgens ist er aufgestanden, um sechs Uhr hob sein Flug von Altenrhein nach Graz ab. Jetzt sitzt der Kosmetikproduzent in seiner Firmenkantine in Hartberg, kaut an einer Gemüselasagne und erzählt vom Vorabend in Vorarlberg. "Am Anfang hab ich gedacht, das ist ein Schmäh", sagt Wilfinger und schüttelt ungläubig den Kopf. Doch in der Einladungs-E-Mail stand ausdrücklich: Treffen mit Al Gore.

Der kleine Kosmetikproduzent aus der Steiermark und der große Umweltschützer aus den Staaten, für Andreas Wilfinger passt das gut zusammen: Auch er selbst habe den Spagat zwischen Nachhaltigkeit und wirtschaftlichem Erfolg geschafft. Seit zwanzig Jahren produziert Wilfinger das, was er vegane Frischekosmetik nennt: Cremes und Tinkturen aus natürlichen Ingredienzien, ohne Konservierungsstoffe. Vom autodidaktischen Cremepanscher mit Bankschulden entwickelte er seine Firma Ringana, die er gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin gegründet hatte, zum lukrativen Familienunternehmen mit fast 150 Mitarbeitern und Wachstumsraten von rund 30 Prozent jährlich, die den Umsatz im vergangenen Geschäftsjahr auf 40 Millionen Euro katapultierten.

Wilfinger, 48 Jahre alt, Dreitagebart und schütteres Haar, schiebt den Lasagneteller von sich weg. Nach Vorarlberg geladen habe ihn ein Nachhaltigkeitsfonds-Manager, erzählt er im oststeirischen Dialekt. Bei Reh und Fischfilet diskutierten er und andere grüne Unternehmer mit Al Gore und warben für ihre Sache. Die Ausführungen des ehemaligen Vizepräsidenten der USA und Friedensnobelpreisträgers zu einem nachhaltigen Kapitalismus hätten ihn besonders inspiriert: "Schon ein Vorbild für mich."

Doch der Kosmetikunternehmer polarisiert. Die einen halten ihn für einen Geschäftsmann, der die strukturschwache Oststeiermark mit einem zukunftsträchtigen Betrieb stärkt. Es gibt aber auch die anderen Stimmen, die Wilfingers Geschäftsmodell skeptisch beäugen: Dass er das Netzwerkmarketing wieder salonfähig gemacht hat, gefällt nicht allen.

Das Prinzip ist schnell erklärt: 25.000 Vertriebspartner empfehlen in aller Welt Ringana-Produkte weiter und erhalten dafür Provisionen zwischen 19 und 39 Prozent. Sie nennen sich "Frischepartner" oder "Ringana-Familie", das soll vom altbackenen und zwielichtigen Image des Direktverkäufers ablenken, den man vor allem mit Tupperware-Partys und Vorwerk-Staubsaugern verbindet. Durchschnittlich 200 Euro pro Monat würde ein Vertriebspartner bei Ringana verdienen, sagt Wilfinger, bei manchen seien es aber auch bis zu 6.000 Euro.

"Ein Geschäftsmodell mit Sektencharakter", titelte die Welt am Sonntag unlängst. Die emotionale Nähe über Empfehlungen im Familien- und Freundeskreis würde fast zwangsläufig dazu führen, dass sich potenzielle Kunden erpresst fühlten. Über den "tendenziösen" Artikel regt sich Wilfinger bis heute fürchterlich auf. Spricht er darüber, tippen seine Finger nervös in der Luft herum.

Mittlerweile ist er vorbereitet auf kritische Fragen: Das Vertriebssystem sei der Frische geschuldet. Weil in den Rezepturen Konservierungsstoffe fehlten, seien die Kosmetika nur wenige Monate haltbar, erklärt er. Apotheken und Drogerien wollen Ringana daher nicht ins Regal stellen. Die einzige Lösung: Online-Handel in Kombination mit Direktvertrieb, produziert werde nur auf Bestellung. Dass manch ein Vertriebspartner unter Bekannten allzu nachdrücklich für Zahnöl und Augencreme werbe, sei bedauerlich, könne er aber nicht immer verhindern.

Für seine Produktvertreiber, mehrheitlich Frauen, organisiert Wilfinger regelmäßig riesige Motivationstreffen in der Wiener Stadthalle oder im Salzburger Kongresshaus. Journalisten sind dabei nicht willkommen. In YouTube-Videos kann man Andreas Wilfinger dabei beobachten, wie er im schicken Anzug von strahlenden Menschen mit Standing Ovations bejubelt wird. Neue Produkte werden bei den Events mit aufwendigen Lichteffekten präsentiert. Die Glorifizierung von Deos und Nahrungsergänzungsmitteln wirkt auf Außenstehende mitunter befremdlich, genauso wie der Kult um das Gründerpaar. Wilfinger winkt ab. "Das ist bei uns ein wenig wie bei Apple", sagt er. Ist das noch Zeitgeist-Gespür oder schon Größenwahn?

Der Name Wilfinger hat in Österreich jedenfalls grüne Tradition: Vater Roman Wilfinger gilt als österreichischer Biopionier. Er experimentierte schon in den siebziger Jahren als Hotelier mit Körndlkost und Kneippkuren. "Als Kinder haben wir Basensuppe essen müssen, in einer Zeit, als Schweinsbraten und Wiener Schnitzel noch als gesund galten", erinnert sich der Sohn an die Gemüsebrühe und lacht. Zwar habe er sich damals mitunter über die Haltung des Vaters geärgert, heute profitiere er aber von dessen Voraussicht.