Rein äußerlich wirkt Wilfinger nicht wie ein Öko-Papst. Er trägt Lederschuhe, eine schicke beige Hose und ein weißes Hemd; seine Lebensgefährtin und Geschäftspartnerin Ulla Wannemacher setzt auf hippe Sneakers zum All-in-black-Outfit und viel Make-up. Auch der Markenauftritt des Unternehmens ist durchdesignt – von den Verpackungen über Slogans bis zum Türschild. "Wir glauben, dass auch ein nachhaltiges Unternehmen hip daherkommen sollte", sagt Wilfinger.

Dazu gehört ebenso der Gründungsmythos von Ringana, den jeder Vertriebspartner kennt: In den neunziger Jahren habe Wilfingers Sohn im Kindergarten eine Zahnpasta bekommen. Papa Andreas, damals noch BWL-Student, entzifferte die klein gedruckten Inhaltsstoffe auf der Tube: Triclosan stand darauf. Wilfinger war schockiert ob des gefährlichen Desinfektionsmittels in der Kinderzahnpasta und entwickelte mit seiner Lebensgefährtin eine Geschäftsidee. Im Turmzimmer des elterlichen Hotels rührten sie die ersten Tinkturen zusammen – alles autodidaktisch, allein mit dem Wissen aus Büchern.

Spricht Wilfinger von Ringana, erzählt er dann auch am liebsten von der kompromisslosen Reinheits-Philosophie seines Unternehmens: "Keine hormonell wirksamen Zusatzstoffe, keine künstlichen Duftstoffe, kein Aluminium, keine Tierversuche, keine Konservierungsstoffe." Übrig bleiben natürliche Inhaltsstoffe mit so blumigen Namen wie Pfirsichknospenextrakt oder iranisches Rosenöl. Neuerdings setzt Ringana außerdem vermehrt auf Nahrungsergänzungsmittel und Superfood. Die gesundheitsfördernde Wirkung der Präparate bleibt jedoch umstritten.

In Online-Foren werden die Kosmetika, deren Wirkung und Verträglichkeit hoch gelobt. "Ringana ist das Beste, was mir passieren konnte!", heißt es da. "Seit Ringana ist bei mir jeder Tag ein guter Ringana-Tag." Nicht immer lässt sich jedoch feststellen, ob es sich bei den Rezensenten nicht zugleich auch um Vertriebspartner handelt.

Erwin Stuprich, Direktvertriebs-Experte der Wirtschaftskammer, verteidigt Wilfingers Modell: Mit Pyramidenspiel, Schneeballsystem oder anderen unseriösen Vertriebssystemen habe Ringana nichts am Hut. Rechtlich sei die Vertriebsform unbedenklich. Vertriebspartner tragen kein Risiko: Sie müssen die Produkte nicht selbst kaufen, sondern nur weiterempfehlen. In Zeiten von Online-Shopping sei die persönliche Empfehlung im Bekanntenkreis Gold wert, sagt Stuprich.

Wenn Wilfinger durch seine Firma schlendert, nicken die Mitarbeiter freundlich. Viele hier sind froh, dass sie in der ökonomisch schwachen Region einen sicheren Job haben. Ein Teil der Büros ist im repräsentativen Schloss Hartberg untergebracht, der Rest in einem ehemaligen Supermarktgebäude. "Mahlzeit", grüßt man sich auf dem Weg in die Kantine. Das Mittagessen sei kostenlos und vegetarisch, betont Wilfinger: "Ullas Idee." Im Kundenservice telefoniert eine blinde Mitarbeiterin mit einer Ringana-Kundin, Lebenshilfe-Klienten unterstützen beim Sortieren der Produkte: "Ullas Idee." In der Versandabteilung verpacken Mitarbeiterinnen Glasflakons in kleine Biobaumwollhandtücher. "Das spart Umverpackung", erklärt Wilfinger. "Auch Ullas Idee."

Sein eigenes Badezimmer sei voller Kosmetikproben und Cremes aus seinem Unternehmen, erzählt Wilfinger. "Bis an die Grenze des gut Machbaren" lebe er die Nachhaltigkeitsphilosophie auch im privaten Bereich. Das interpretiert der Unternehmer so: In der Garage parkt ein Tesla neben einem Maserati. Wilfinger isst vegetarisch, auf Flugreisen wolle er aber nicht verzichten. "Auch Al Gore fliegt", sagt er knapp. "Ich glaube, viele unserer Kunden sind nachhaltiger als wir."

Auch das Vertriebsmodell werde familienintern immer wieder heiß diskutiert. Kann diese Grätsche zwischen wirtschaftlichem Kalkül und nachhaltigem Engagement längerfristig gelingen? "Wir stehen erst am Anfang", sagt Andreas Wilfinger und wird ganz euphorisch. Beim Treffen in Bregenz habe Al Gore schließlich eine Nachhaltigkeitsrevolution vorhergesagt.