Robinson Club

Die Zeit fliegt. Ob ich dabei Spaß habe oder nicht, ist ihr relativ egal. Wenn man die Zeit so wie ich grundsätzlich mit einem permanent die eigenen Belastbarkeitsgrenzen auslotenden Arbeitspensum füllt, legt sie sogar noch einen Zahn zu. Um dem Burn-out-Express nicht unter die Räder zu geraten, gibt es für mich nur eine probate Präventionsmaßnahme: radikaler Eskapismus. Urlaub, weg von Deadlines und gewohnten Gesichtern. Ich mag jede Art von Urlaub, campe gern oder reise ins Blaue. Entschleunigung gelingt mir allerdings nur an Orten so richtig, an denen ich absolut nichts tun und lassen muss, wo die Menschen mir aus der Sonne gehen und mein verantwortungsvollster Auftrag darin besteht, beim Essen nicht nackt zu sein. Das alles bietet der Robinson-Club-Urlaub.

Der Robinson Club vereint die Vorteile des gängigen All-inclusive-Konzepts mit absoluter Sauberkeit, einem breit gefächerten Sportprogramm und manierlichem Publikum. An diesem gehobenen Musterferien-Bausatz gefällt mir vor allem das Konzept der freundlichen Übernahme aller selbstbestimmten Tätigkeiten. Es gibt Programmpläne, Aktivitäten zu jeder Uhrzeit, es werden Wege gewiesen, Taschen getragen, Kinder gegebenenfalls in den Kids Club umgeleitet. Überall wimmelt es nur so von immerfröhlichen Animateuren, genannt Robins, die jederzeit bereit wären, mit mir im clubeigenen Kräutergarten Borretsch zu bewässern oder mir zu zeigen, wie man beim Tennis eine saubere Rückhand spielt.

Schnell wird klar, dass diese ständige Umsorgung aller Anwesenden die bestmögliche Ausgangssituation für eine völlig tiefenentspannte Zeit ist; die Kinder tanzen in angenehmer Entfernung den Club-Tanz, es gibt keine Liegestuhlknappheit, man grüßt sich, man erkennt sich wieder, man lässt sich in Ruhe.

Außerdem macht der All-inclusive-Gedanke ja keinesfalls vor Hochprozentigem halt. Man hat also bei Bedarf ab Tag eins permanent einen sitzen. Alles wabert angenehm an der Oberfläche, das Mensch-pro-Rattanmöbel-Verhältnis ist ausgewogen, man findet jederzeit einen Rückzugsort und hangelt sich fortan nur noch von Mahlzeit zu Mahlzeit. Die Gesamtsituation im Robinson-Wahrnehmungsradius ist maximal entlastend. Jeder macht seins, und alle wissen insgeheim, dass das auch ganz gut so ist. Gespräche mit Mitreisenden sind hier oftmals so nett, dass ich ohne Weiteres ganz darauf verzichten kann. Auch schön!

Gelegentlich lausche ich dem Small Talk der anderen Reisenden, lerne etwas über die neuesten Zahn-Keramikinlays, über Trends in Sachen Rechtsschutzversicherung und die Geländetauglichkeit von heimischen SUVs. Herrlich – denn das alles hat rein gar nichts mit mir zu tun. Ich bin Kassenpatientin und habe keinen Führerschein, ich kann dort nicht mitreden, also tue ich es auch nicht. Meine Welt ist maximal weit weg, ich werde hier nicht gebraucht. Selten wird einem sämtliche Verantwortung so radikal entzogen wie auf dem palmengesäumten Gelände eines Robinson Clubs. Und so soll es sein.

Bald findet man mich nur noch am Glas oder am Strand, manchmal an beidem zugleich. Ich fühle mich wie die Frau aus der Raffaello-Werbung – unbeschwert, weiß, ein bisschen dümmlich –, schwimme im Meer, lasse mich von einem Robin mit frischem Parmesan beraspeln, stelle das Denken ein. Und da ist sie dann, die Erholung. Und ich musste sie mir nicht mal selber holen, ein Robin hat sie mir gebracht.