Bei seinem ersten Test rast EV3 über die Tischkante hinaus und kracht auf den Boden. Drei Fünftklässler seufzen. Sie haben den Lego-Technic-Roboter zusammen aufgebaut, aber jetzt muss nicht nur EV3s Arm wieder dran; sie müssen auch die Verbindungskabel zwischen dem Minicomputer am Brustkorb und den kleinen Elektromotoren im Plastikarm wieder miteinander verbinden.

"Dass die Roboter über den Tisch hinausschießen, passiert relativ häufig", sagt Beate Jost und fügt hinzu: "Aber ich habe noch kein Kind erlebt, dessen Augen nicht leuchteten, wenn der Roboter seine ersten Schritte getan hat." Jost ist Teamleiterin bei Roberta, einer Bildungsinitiative des Fraunhofer-Instituts für Intelligente Analyse- und Informationssysteme. Über 1.500 Lehrer wurden bisher von Jost und ihren Kollegen ausgebildet. 400.000 Schüler haben Kurse besucht, in denen sie binnen weniger Stunden nicht nur einen komplizierten Lego-Technic-Roboter aufbauen, sondern auch lernen, ihn mit Open-Source-Software so zu programmieren, dass er einen Raum mit lauter Rucksäcken auf dem Boden durchquert, ohne anzuecken – oder Macarena tanzt.

Wie gehen Schulen mit der Digitalisierung um? Was sollen Schüler lernen? Wie verändert sich Bildung? Was ist richtig, was ist Hype? Das sind große Fragen von Bildungspolitikern, aber auch von Eltern, Lehrern und Schülern in Deutschland. Die Angst davor, im internationalen Vergleich rückständig zu sein, ist groß – wie eine Studie der Vodafone Stiftung, die der ZEIT exklusiv vorliegt, nun unterstreicht: Demnach sind sich 81 Prozent der Deutschen sicher, dass in Zukunft niemand einen guten Arbeitsplatz finden wird, der nicht über "ein grundlegendes Verständnis digitaler Technologien" verfüge. Allerdings glaubt mehr als die Hälfte der 1.000 Befragten, unter ihnen besonders viele Schüler und Eltern, dass die meisten Menschen in Deutschland noch nicht ausreichend digitalkompetent sind. 84 Prozent der Befragten sagen: Die Schule muss das richten. Allerdings sagen nur 18 Prozent: Die Schule wird der Aufgabe gerecht. Es herrscht Skepsis (siehe Grafik unten).

"In puncto Informatik sind die meisten Schulabgänger heute auf dem Stand, dass die Erde eine Scheibe ist", sagt Ira Diethelm, Professorin für Didaktik der Informatik an der Uni Oldenburg. Begeistert schaut sie nach Großbritannien, wo Technik-Fächer von der ersten Klasse an unterrichtet werden, genauso wie in Finnland und einigen osteuropäischen Ländern.

Die deutsche Bildungspolitik indes lässt sich Zeit damit, das Thema anzugehen. Einen großen Masterplan Digitalisierung gibt es nicht. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung hat 2016 einen sogenannten "Digitalpakt Schule" in Aussicht gestellt: Fünf Milliarden Euro sollten die Länder erhalten, um von 2018 bis 2022 die Digitalisierung in den Schulen voranzubringen. Und was passiert gerade? "Ich kann bestätigen, dass Bund und Länder zum geplanten Digitalpakt in Verhandlungen sind", teilt ein Ministeriumssprecher wortkarg mit. Heißt: Ohne neue Regierung gibt es keinen Fortschritt. Die letzte Absichtserklärung datiert vom Juni dieses Jahres und betont das Selbstverständliche: Engagiertes Personal, schnelleres Internet, neue Geräte seien wichtig.

Fördern Glasfaserkabel und neue iPads tieferes technologisches Verständnis?

Wie träge die Bundesregierung ist, spiegelt sich in der Bewegungslosigkeit vieler Bundesländer, die für die Schulen im Kern zuständig sind. Im Wahlkampf und nach der Wahl wirken alle politischen Ebenen in Sachen Digitalisierung paralysiert.

Dies zeigt auch der neue "Länderindikator 2017", der auf einer ZEIT-Konferenz in dieser Woche vorgestellt wird. Im Auftrag der Deutschen Telekom Stiftung untersuchen der Dortmunder Bildungsforscher Wilfried Bos und seine Mitarbeiter, wie 1.200 Lehrer die digitale Schule einschätzen – wie oft Schüler und Lehrer digitale Medien nutzen, wie kompetent sie damit umgehen und wie die IT-Ausstattung ist. Die Forscher ziehen ein ernüchtertes Fazit: Zwar sehe man einen "positiven Trend in der Nutzungshäufigkeit", dieser sei aber "viel zu schwach". Besonders viel Nachholbedarf haben Schulen in Schleswig-Holstein, Berlin, Sachsen und dem Saarland. Um Abhilfe zu schaffen, fordert die Stiftung einen Medienentwicklungsplan der Schulen, gute Fortbildungen und bessere technische Ausstattung.

Aber fördern Glasfaserkabel und Tausende Tablets wirklich ein tieferes technologisches Verständnis?