Nein, wirklich austragen, so von Angesicht zu Angesicht, will er die Sache dann lieber doch nicht. Als die ZEIT am Freitag vergangener Woche bei Siemens nachfragt, ob Konzernchef Joe Kaeser nicht im Rahmen eines Streitgesprächs direkt mit dem SPD-Vorsitzenden Martin Schulz reden wolle, lehnt Kaeser ab. Man sei dafür, die Diskussion zu versachlichen, heißt es bei Siemens. Was so viel bedeutet wie: Öffentlich haben wir uns genug verhauen, jetzt ist erst einmal Ruhe.

Tatsächlich hat es in den vergangenen Tagen zwischen den Chefs von Siemens und der deutschen Sozialdemokratie so laut gekracht wie selten zwischen Spitzenpolitikern und Wirtschaftsbossen. Schulz hatte Kaeser als "asozial" und "verantwortungslos" abgekanzelt, weil Siemens die Schließung von Werken in Deutschland plant – obwohl das Unternehmen Milliardengewinne erwirtschaftet. Kaeser schrieb Schulz daraufhin in einem offenen Brief, dass in der Energieerzeugungssparte jetzt Stellen gestrichen würden, damit das Unternehmen "Herausforderungen und Chancen der Zukunft entschlossen gestalten" könne, und dass der SPD-Chef sich mal – die Sozialdemokraten verweigerten sich zu jener Zeit noch einer großen Koalition – nicht selbst vor der Verantwortung drücken solle.

Die Auseinandersetzung wirft ein Schlaglicht auf eine Frage, die in Zeiten des Unbehagens an der Globalisierung an Bedeutung gewinnt: Wem ist ein Unternehmen verpflichtet – dem Land oder den Zahlen? Wie patriotisch muss ein Manager sein?

Dass diese Frage nun ausgerechnet im Fall von Siemens aufgeworfen wird, ist alles andere als ein Zufall. Die Münchner gehören zum industriellen Inventar der Bundesrepublik. Siemens war einer der ersten multinational tätigen Konzerne in Europa, in Berlin wurde ein ganzes Stadtviertel nach dem Unternehmen benannt. Wer bei Siemens arbeitete, war nicht nur Elektrotechniker, Experte für Kraftwerke oder Medizintechnik. Siemensianer, wie sich viele stolz nennen, waren auch Teil einer Familie, in der profitable Sparten solche mit Problemen unterstützten.

Wenn man sich – so sieht man es im Umfeld von Martin Schulz – aber heute selbst in dieser Siemens-Familie nicht mehr um seine Leute kümmert, wo denn dann?

Aus Joe Kaesers Sicht kann Siemens sich nur um seine Mitarbeiter kümmern, wenn es mit all seinen Geschäften im globalen Wettbewerb besteht. Kaeser selbst hat erlebt, wie der Konzern in den 1990er Jahren den Wandel in der Telekommunikationstechnik verpasste und damit die Zukunft des gesamten Unternehmens aufs Spiel setzte. Schon Kaesers Vorgänger machten die Sparten deshalb selbstständiger. Die Konzernstrategie richteten sie seit Ende der neunziger Jahre darauf aus, dass die einzelnen Bereiche für sich selbst verantwortlich und profitabel sein sollen.

Kaeser setzt die Strategie noch entschiedener fort. Er plant, das Zuggeschäft mit dem französischen Konkurrenten Alstom zusammenzulegen. Die Windkraftsparte ist schon mit dem spanischen Unternehmen Gamesa fusioniert. Die Medizintechnik soll an die Börse gebracht werden.

Schulz fordert die solidarische Familie Siemens, Kaeser möchte, zumal in Zeiten der Digitalisierung, nie wieder ein Desaster wie einst mit dem Telekommunikationsgeschäft erleben, bei dem eine unprofitable Sparte den Konzern gefährdet. Und offenbar ist seine Befürchtung, dass das Geschäft mit Gasturbinen und Dynamos, über dessen Zukunft gerade der große Streit tobt, eine solche Gefahr darstellt.