Die Murmler sind unter uns! Egal ob bei der Hafenrundfahrt, der Museumsführung, oder beim alternativ-sexuellen St. Pauli-Rundgang, allzu oft gilt: Wer vorn steht, versteht noch alle Witze, in der Mitte wird es dünn, und hinten ist es akustisch katastrophal. Den Abgehängten bleibt, sofern sie nicht resignieren, nur die Wahl, sich entweder in die erste Reihe durchzuboxen, unter Inkaufnahme blauer Flecken. Oder den inbrünstigen Ruf "Lauter!" in Richtung des Rauners zu schicken. Was allerdings regelmäßig nur einen kurzfristigen Erfolg zur Folge hat, weshalb dieses "Lauter!" längst als gern persifliertes Paradebeispiel einer misslungenen rhetorischen Intervention gilt: Zwar wird der Redner oder Stadtführer – oder auch die Rednerin oder Stadtführerin – die Stimme erheben.

Ein paar Sätze später verfällt er/sie aber wieder in die ursprüngliche Stimmlage. Ein zweiter "Lauter!"-Ruf wird keinen anderen Effekt haben, jeder weitere bewirkt nur, dass die übrige angestrengt lauschende Zuhörerschaft sich mit erbosten "Ruhe!!!"-Rufen an den Zwischenrufer wendet.

Fragt sich: Wieso folgen Sprecher der Bitte nicht? Können sie nicht? Wollen sie nicht – empfinden sie Zwischenrufe gar als respektlos? Oder versuchen sie durch absichtliches Genuschel nur, ihre schlechten Pointen zu kaschieren, vielleicht sogar mangelhaftes Wissen?

Vielleicht ab und an. Was es mit dem hartnäckigen Nuscheln in der Regel aber wirklich auf sich hat, erläutert Olaf Kramer, an der Universität Tübingen Professor für Rhetorik und Wissenskommunikation: Es ist Gewohnheit. Die lange Zeit eingeübte Stimmlautstärke ließe sich schwer auf einen Schlag ändern, sagt Kramer, "zumal da viele automatisierte Mechanismen ablaufen. Wenn man mir nur sagt "Lauter!", lege ich kurz meine Aufmerksamkeit auf die Lautstärke und werde lauter. Wenn die Aufmerksamkeit dann wieder beim Thema ist, ist das laute Sprechen schnell vergessen." Gerade in der Rhetorik ist Multitasking schwierig. Manchmal spiele auch Redeangst eine Rolle, Erfahrung und Ausbildung sowieso, sagt Kramer. Aber für alle Stadtführer, die gern beliebter bei der Kundschaft wären, gibt es Hoffnung: "Mit etwas Zeit kann jeder lernen, laut genug zu sein."

Oder einfach zu einem Mikrofon greifen? "Auch ein Mikrofon hilft nicht automatisch", warnt der Rhetorikprofessor, "wenn ein Redner nicht geübt ist, damit umzugehen."