Seit einem Jahr besitze ich einen eigenen Neoprenanzug. Er passt perfekt. Ich brauche wenigstens fünf Minuten, um ihn anzuziehen, und zehn, um ihn wieder auszuziehen. Ich besitze kein Surfbrett. Ich habe mir auch noch nie ein Surfbrett selbst aussuchen dürfen, das haben immer meine Surflehrer gemacht. Am Tag nach unserer Ankunft in Lagos an der Südküste der Algarve stehe ich vor der Surfboard-Garderobe des Surfshops gegenüber unserer Unterkunft wie früher als Kind vor den Süßigkeiten im Regal von Tante Emma. Ich weiß schnell, welches Brett ich ausleihen will. Im Laden sage ich: Ich surfe seit vier Jahren, ich bin keine Anfängerin, aber auch noch nicht wirklich gut. Der smarte Surferboy mustert mich skeptisch. Ich hätte gerne auf Portugiesisch sagen wollen: Grau ist das neue Blond! Aber da fragt er bereits neugierig: Okay?! Ein paar Minuten später trage ich das Board am Café auf dem Platz vorbei, als trüge ich eine Krone. Das Brett ist ein Mini-Malibu. Ein echtes Surfbrett! Es hat nichts mehr zu tun mit den aufgeschäumten Anfängerboards. Ich habe es für sieben Tage ausgeliehen.

Es ist Anfang November und noch spätsommerlich warm um neun Uhr morgens in Praia de Porto de Mós, einer weiten Bucht, fünf Autominuten von der kleinen Hafenstadt Lagos entfernt. Ein paar Spaziergänger sind am Strand unterwegs. Am Horizont sehe ich eine Segeljacht Richtung Osten queren. Sonst ist niemand auf dem türkisfarbenen Meer. Ich bin aufgeregt. Noch nie hatte ich ein Meer für mich alleine. Es gibt Wellen, kleine. Sie laufen lange und kommen in gleichmäßigen Abständen von weit draußen. Gute Bedingungen für meinen ersten Surftag, aber ich bekomme trotzdem ein wenig Angst vor meiner Courage. Seit mehr als einem halben Jahr bin ich nicht mehr gesurft. Ich spüre mein Zögern, ich denke an Hunde, die sich manchmal so im Kreis drehen. Das möchte ich jetzt auch tun und dabei vielleicht die Richtung wechseln.

Ich bin fünfzig Jahre alt. Das Wellenreiten habe ich in einem Alter begonnen, in dem man nicht mehr zum Superstar werden kann, aber das Ziel beibehalten, mit sechzig eine wenigstens einigermaßen passable Longboarderin zu sein. Ich will es noch immer.

Zum ersten Mal wollte ich es, als ich dreißig Jahre alt war. Ich lag mit dem unsportlichsten Mann der Welt an der französischen Atlantikküste, wo wir vier Wochen lang Bücher lasen und Kirchen anschauten, und ich, heimlich oder gar nicht so heimlich, die Surfer draußen auf dem Meer. Im Gegenlicht sahen sie immer aus wie ein Schwarm Haifische, ein bisschen gefährlich. Aber weil ich mit dreißig noch nicht Frau genug war, dem Mann zu sagen, dass ich etwas anderes tun möchte als er, habe ich so getan, als ob ich auch ohne Surfen gut leben kann. Inzwischen kann ich das nicht mehr.

Ich habe lange Tischtennis gespielt und später Tennis. Ich habe es gerne gemacht. Ich war gut darin. Ich mochte es, an der Ballmaschine hundert Bälle lang Topspin zu trainieren, ich mochte es, besser zu sein als meine Gegnerinnen, ich mochte gerne gewinnen. Beim Surfen mag ich etwas ganz anderes. Ich mag, dass das Meer immer stärker ist als ich, dass ich weiß, dass ich darin klein bin wie ein Fisch und nicht einmal zu Hause. Dass ich mich einschmiegen muss in das wilde Wasser des Atlantiks, um überhaupt darin zu überleben mit meinem Brett. Ich mag diese Naturgewalt.

Nach Surfkursen in Frankreich, Spanien, Portugal und Marokko will ich hier an der Algarve endlich ganz alleine hinauspaddeln zum Line-up, dorthin, wo die Welle zum ersten Mal bricht, bevor sie zu Weißwasser wird. Ich möchte selbst erkennen, wann ich die Welle von wo aus anpaddeln muss, ich möchte nicht mehr gesagt bekommen: Paddel, paddel, Pop-up. Dafür muss ich das Meer lesen lernen. Das kann einem eigentlich so recht niemand beibringen. Es braucht dafür, vielleicht ähnlich wie beim Schreiben, Versenkung und Ausdauer. Und obwohl die Wellen dort, wo ich gerade stehe, eigentlich optimal brechen, gehe ich weiter. Es ist gefährlich, auf Riff zu surfen, jedenfalls wenn man es nur so halb gut kann wie ich. Ich gehe weiter, bis zu einer Stelle, an der die Wellen auf Sand brechen.

Nach fünf Minuten Joggen am Strand und weiteren fünf Minuten Arm-, Schulter-, Kopf-, Hüft-, Knie- und Knöchelkreisen ist mir in meinem Anzug so warm, dass ich gerne ins Wasser will. Ohne zu zögern, lege ich mich aufs Brett und schaue der Welle ins Maul. Und in diesem Moment, als sie mich beim Hinauspaddeln zum ersten Mal frontal erwischt, sodass ich mit Brett durch sie hindurchtauchen muss, ist alle Angst verschwunden. Ich juble sogar, weil es mir gelingt, ohne rückwärtsgespült zu werden. Und als ich die erste Welle erwische, juble ich noch einmal sehr. Danach versuche ich mich zurechtzufinden in den Wellen, die immer dort brechen, wo ich nicht bin. Ich gehe aus dem Wasser, schaue mir das Meer nochmals von draußen an. Ich gehe wieder hinein, paddle dorthin, wo die Welle bricht, werde abgetrieben, paddle zurück. Warte auf die Welle. Die Welle rollt an mir vorbei. Wieder paddle ich dorthin, wo sie bricht. Da bricht sie aber nicht. Ich paddle, als gäbe es nichts anderes zu tun auf dieser Welt.