Zum Ruhm Mommsens hatte da längst seine Römische Geschichte beigetragen, die Mitte der 1850er Jahre erschien, bis heute sein berühmtestes Werk, das ihm 1902 den Literaturnobelpreis einbringen sollte (recht glücklich, denn der Favorit Leo Tolstoi fiel wegen seiner politisch-religiösen Positionen durch). Sie endete zeitlich bereits vor Cäsars Ermordung; die Frage, warum der sprachmächtige Autor die angekündigte Fortsetzung über die römische Kaiserzeit nicht schrieb, gehörte lange zu den Lieblingsspekulationen deutscher Bildungsbürger. Noch Heiner Müller hat 1993 in seinem Poem Mommsens Block den eigenen writer’s block in die vermeintliche Krise des großen Historikers imaginiert. Zwar kannte der jähzornige und reizbare Mommsen durchaus Depressionen, die seine Frau Marie und ihre 16 Kinder zu ertragen hatten und die er erfolgreich durch unablässige Romanlektüre zu bekämpfen pflegte. Doch daran lag das Ausbleiben des vierten Bandes nicht, auch nicht am berüchtigten Brand in seinem Charlottenburger Haus 1880, bei dem viele Manuskripte verloren gingen.

Der manische Arbeiter Theodor Mommsen (mit 1513 Veröffentlichungen zu Lebzeiten) fand schlicht andere Aufgaben wichtiger und interessanter: Er publizierte sein bis heute unübertroffenenes Römisches Staatsrecht und stürzte sich vor allem mit seinen Mitarbeitern in die Edition lateinischer Inschriften, des Corpus Inscriptionum Latinorum, ein gigantisches Projekt, das er schon als Dreißigjähriger für die Preußische Akademie der Wissenschaften entworfen hatte.

Mommsen, seit 1861 Professor für römische Altertumskunde in Berlin, war zudem einer der strategisch orientierten Gründerväter kollektiver akademischer Grundlagenforschung, die er denn auch häufig mit militärischem Vokabular umschrieb. Zweifellos hatte er hochschulpolitisch enorme Macht, die er in etlichen wissenschaftlichen Scharmützeln gerne einsetzte. Für die weltweite Ausstrahlungskraft der deutschen Geisteswissenschaften Ende des 19. Jahrhunderts war Mommsen eine der zentralen Gestalten, die bis heute nachwirken.

Ebenso stark trat er in den öffentlichen Debatten des Kaiserreichs auf: Vehement widersprach er im sogenannten Antisemitismusstreit seinem Kollegen Heinrich von Treitschke, der 1879 in einer Artikelserie vor der Gefahr einer "deutsch-jüdischen Mischkultur" gewarnt hatte. Mommsen witterte sofort die Gefahr des heraufziehenden Antisemitismus und schrieb eine fulminante Erwiderung gegen die "Hetze des Tages", ein Bekenntnis zu den jüdischen Mitbürgern, gegen das "Bürgerkrieg predigen" Treitschkes.

Dies war zweifellos eine Sternstunde in der deutschen Intellektuellengeschichte – und sofort stellt man sich den liberalen Professor Mommsen im heutigen Bundestag vor, wo er dem AfD-Abgeordneten Gauland den "Fanatismus" als "Krebsschaden" vorhielte, "welcher schließlich auch das Gefühl der Ehre und der Ehrenhaftigkeit angreift". Unwillkürlich mag man heute von dieser besonderen Mischung aus Gelehrtendasein und parteipolitischem, parlamentarischem Engagement träumen. Insofern wäre es im Grunde auch nicht wichtig, was genau Theodor Mommsen Christian Lindner raten oder an den Kopf werfen würde: Bedenkenswert wäre es in jedem Fall.

Theodor Mommsen: Wenn Toren aus der Geschichte falsche Schlüsse ziehen. Ein Theodor-Mommsen-Lesebuch; hrsg. v. Wilfried Nippel; dtv, München 2017; 352 S., 20,– €, als E-Book 16,99 €