DIE ZEIT: Herr Middelhoff, seit einigen Tagen sind Sie wieder ein freier Mann. Fühlen Sie sich auch frei?

Thomas Middelhoff: Nein, ich fühle mich nicht frei. Mit diesem neuen Gefühl muss ich mich erst wieder vertraut machen.

ZEIT: Die vergangenen Monate haben Sie im offenen Strafvollzug in Bielefeld verbracht. Wie war Ihr letzter Tag?

Middelhoff: Der Tag lief chaotisch ab. Mit meiner vorzeitigen Haftentlassung durfte ich ja rechnen. Also hatte ich mich morgens bei der Gefängnisverwaltung noch erkundigt, ob das möglicherweise kurzfristig geschehen könne. Das wurde verneint. Dann bin ich zu meiner Arbeit in die Behindertenwerkstatt in Bethel gefahren. Drei Stunden später erhielt ich einen Anruf: Ich sei sofort abkommandiert in die Vollzugsanstalt.

ZEIT: Abkommandiert?

Middelhoff: Ja, so war der Wortlaut. Also bin ich zurückgefahren, und mir wurde gesagt, dass ich sofort meine Zelle räumen und die JVA verlassen müsse. Die Presse sollte keine Gelegenheit bekommen, mich vor dem Gefängnis zu fotografieren.

ZEIT: Wie ging es dann weiter?

Middelhoff: Fernseher, Radio und einige andere Sachen habe ich an Mithäftlinge verschenkt und den Rest zusammengepackt. Ich bekam die übrig gebliebenen 3,52 Euro von meinem Haftkonto in bar ausgezahlt, und nach eineinhalb Stunden nahm ich meine Entlassungspapiere entgegen. Dann habe ich eine fürchterliche Leere gespürt.

ZEIT: Die Staatsanwaltschaft in Bochum hatte Ihre vorzeitige Entlassung zunächst noch verhindern wollen. Warum?

Middelhoff: Die Staatsanwaltschaft muss prüfen, ob eine Reststrafe zur Bewährung ausgesetzt werden kann, wenn jemand zwei Drittel davon verbüßt hat. In meinem Fall hat die JVA das uneingeschränkt befürwortet, und auch die Staatsanwaltschaft sah das zunächst so. Als die Sache beim Landgericht Bielefeld zur Entscheidung lag, forderte die Staatsanwaltschaft aber plötzlich, ich solle doch noch in Haft bleiben. Als Begründung hat sie mein Buch A115 – Der Sturz angegeben.

ZEIT: Das Buch war zu diesem Zeitpunkt gerade erschienen. Darin erheben Sie schwere Vorwürfe gegen die Justiz. Der Strafvollzug habe Sie schwer krank gemacht, Sie seien menschenunwürdig behandelt worden und vieles mehr.

Middelhoff: Die Staatsanwaltschaft hat aus meinem Buch zitiert, um darzulegen, dass ich nicht einsichtsfähig sei und weiterhin eine Gefährdung für die Gesellschaft darstelle. Das Landgericht Bielefeld war allerdings der Meinung, dass ich trotzdem unter Auflagen vorzeitig entlassen werden könne. Schließlich hat die Staatsanwaltschaft ihre Beschwerde zurückgezogen. Aber davon habe ich zuerst aus den Medien erfahren.